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Stammzellbasierter Betazellersatz bei Diabetes

Professorin Dr. med. Barbara Ludwig, Kongresspräsidentin Diabetes Kongress 2026, Leiterin klinische Inseltransplantation und Laborleitung, Medizinische Klinik III, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden, im Rahmen der Kongress-Pressekonferenz 60. Diabetes Kongress der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) am 15. Mai 2026 in Berlin.

Chancen und Risiken

Prof. Dr. med. Barbara Ludwig Die Entwicklung zellbasierter Therapien stellt einen der vielversprechendsten Fortschritte in der Diabetologie dar. Insbesondere der stammzellbasierte Betazellersatz eröffnet die Perspektive, die Insulinproduktion bei Menschen mit Typ-1-Diabetes wiederherzustellen und damit über eine rein symptomatische Therapie hinauszugehen.
In den letzten Jahren hat sich die Forschung auf diesem Gebiet dynamisch entwickelt. Es ist inzwischen gelungen, aus pluripotenten Stammzellen funktionell insulinproduzierende Zellen zu generieren, die nach Transplantation auf Glukoseschwankungen reagieren können. Erste klinische Studien zeigen, dass solche Zellen beim Menschen funktionell aktiv sind und zu einer deutlichen Verbesserung der Glukosekontrolle beitragen können. In einzelnen Fällen wurde sogar eine Insulinunabhängigkeit erreicht.

Aktuelle klinische Programme - beispielsweise mit aus Stammzellen differenzierten Inselzellpräparaten - untersuchen unterschiedliche Strategien der Zelltransplantation. Ein zentraler Unterschied besteht dabei im Umgang mit der Immunantwort des Empfängers. Einige Ansätze setzen auf eine systemische Immunsuppression, vergleichbar mit etablierten allogenen Insel- oder Organtransplantationen. Andere Strategien verfolgen das Ziel, die transplantierten Zellen durch Verkapselung physisch vor dem Immunsystem zu schützen oder durch gezielte genetische Modifikationen weniger immunogen zu machen.

Diese Ansätze der sogenannten "Immunevasion" oder Immunabschirmung sind ein entscheidender Forschungsschwerpunkt. Dazu gehören beispielsweise die Entwicklung semipermeabler Kapselsysteme, die den Austausch von Glukose und Insulin ermöglichen, gleichzeitig aber Immunzellen fernhalten sollen, sowie gentechnologische Verfahren zur Reduktion der HLA-Expression oder zur gezielten Modulation immunologischer Signalwege. Ziel ist es, langfristig auf eine systemische Immunsuppression verzichten zu können.

Trotz dieser Fortschritte stehen wir weiterhin vor wesentlichen Herausforderungen. Die langfristige Funktionalität und Stabilität der transplantierten Zellen sind noch nicht ausreichend belegt. Auch Fragen der Sicherheit - etwa im Hinblick auf unerwünschte Zellproliferation oder immunologische Reaktionen - müssen weiter geklärt werden. Zudem ist bislang unklar, wie dauerhaft die Therapieeffekte über viele Jahre hinweg sind.

Hinzu kommen Aspekte der praktischen Umsetzung: Zellbasierte Therapien sind derzeit technisch aufwendig und kostenintensiv. Herstellung, Standardisierung und Qualitätssicherung stellen hohe Anforderungen. Es ist daher absehbar, dass diese Verfahren zunächst nur für ausgewählte Patientengruppen zur Verfügung stehen werden, beispielsweise für Menschen mit schwer einstellbarem Typ-1-Diabetes.

Vor diesem Hintergrund ist eine realistische Einordnung entscheidend. Der stammzellbasierte Betazellersatz ist kein kurzfristiger Ersatz für etablierte Therapien, sondern ein vielversprechender Bestandteil einer sich weiterentwickelnden Diabetologie. Sein zukünftiger Stellenwert wird davon abhängen, ob es gelingt, immunologische Barrieren zu überwinden, die Sicherheit langfristig zu gewährleisten und die Verfahren in eine praktikable und bezahlbare Versorgung zu überführen. Gleichzeitig verdeutlichen diese Entwicklungen, welches Potenzial in der translationalen Forschung liegt. Sie zeigen, wie eng Grundlagenwissenschaft, biotechnologische Innovation und klinische Anwendung inzwischen miteinander verzahnt sind.

Der Diabetes Kongress 2026 bot eine wichtige Plattform, um diese Fortschritte und offene Fragen gemeinsam zu diskutieren - differenziert, evidenzbasiert und mit Blick auf die Verantwortung gegenüber den Patientinnen und Patienten.

(Es gilt das gesprochene Wort!)

Quellen

Literatur: Reichman TW, et al., VX-880-101 FORWARD Study Group. Stem Cell-Derived, Fully Differentiated Islets for Type 1 Diabetes. N Engl J Med. 2025 Sep 4;393(9):858-868. doi: 10.1056/NEJMoa2506549. Epub 2025 Jun 20. PMID: 40544428.

Carlsson PO, et al., Survival of Transplanted Allogeneic Beta Cells with No Immunosuppression. N Engl J Med. 2025 Sep 4;393(9):887-894. doi: 10.1056/NEJMoa2503822. Epub 2025 Aug 4. PMID: 40757665.

Wang S, et al., Transplantation of chemically induced pluripotent stem-cell-derived islets under abdominal anterior rectus sheath in a type 1 diabetes patient. Cell. 2024 Oct 31;187(22):6152-6164.e18. doi: 10.1016/j.cell.2024.09.004. Epub 2024 Sep 25. PMID: 39326417.

Bildunterschrift: Prof. Dr. med. Barbara Ludwig.
Bildquelle: Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG)
Foto: Dirk Deckbar

zuletzt bearbeitet: 26.05.2026 nach oben

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