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Gleiche Diagnose, ungleiche Chancen?
Professorin Dr. Julia Szendrödi, Präsidentin der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), Ärztliche Direktorin der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie, Stoffwechselkrankheiten und Klinische Chemie des Universitätsklinikums Heidelberg, im Rahmen Jahrespressekonferenz der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) am 24. Februar 2026 in Berlin.Warum Frauengesundheit ein Prüfstein für eine präzise und gerechte Diabetesversorgung ist
Geschlecht beeinflusst nicht nur soziale Rollen, sondern auch metabolische Regulation und kardiovaskuläre Risikoprofile. Frauen weisen im Vergleich zu Männern eine andere Fettverteilung mit stärker subkutaner und im Verlauf der Lebensspanne zunehmender viszeraler Adipositas auf. Diese Unterschiede wirken sich auf Insulinsensitivität, inflammatorische Aktivierung und Gefäßbiologie aus. Gleichzeitig ist das relative kardiovaskuläre Risiko bei Frauen mit Diabetes besonders ausgeprägt: Der "Verlust" des biologischen Gefäßschutzes führt dazu, dass Diabetes das Risiko für koronare Ereignisse bei Frauen stärker erhöht als bei Männern. Schwangerschaft stellt zudem einen physiologischen metabolischen Stresstest dar, in dem eine bestehende Insulinresistenz manifest werden kann. Der Gestationsdiabetes ist deshalb kein isoliertes Ereignis, sondern ein früher Marker systemischer Vulnerabilität. Auch die Menopause markiert einen metabolischen Wendepunkt mit Veränderungen in Fettverteilung, Lipidprofil und Gefäßfunktion.
Diese biologischen Übergänge sind klinisch relevante Risikofenster - und sollten entsprechend systematisch berücksichtigt werden. Frauen mit Diabetes sind kein "Sonderfall" der Diabetologie. Sie machen strukturelle Schwächen unseres Versorgungssystems sichtbar. Geschlecht beeinflusst Pathophysiologie, Risikoprofile, Symptomwahrnehmung und Versorgungszugang - und damit klinische Outcomes. Wer über soziale Gerechtigkeit in der Diabetesversorgung spricht, darf Geschlecht nicht als Randaspekt behandeln. Biologische Unterschiede, lebensphasenspezifische Risiken und Versorgungsbrüche entlang der Sektoren führen dazu, dass Frauen mit Diabetes häufig später diagnostiziert, anders behandelt und in Hochrisikosituationen nicht ausreichend strukturiert begleitet werden. Das ist kein Wissensdefizit. Es ist ein Umsetzungsdefizit.
Gestationsdiabetes: bekanntes Hochrisiko - unzureichende Nachsorge
Frauen nach Gestationsdiabetes tragen ein deutlich erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes und kardiovaskuläre Erkrankungen. Dieses Risiko ist evidenzbasiert und prognostisch hoch relevant. Trotzdem gehen viele Betroffene nach der Entbindung in der Versorgungsrealität verloren. Eine verbindliche, sektorenübergreifende Nachsorgestruktur existiert nicht flächendeckend.
Aus Sicht der DDG sind hierfür folgende Schritte sinnvoll:
- Entwicklung und flächendeckende Etablierung strukturierter Nachsorgekonzepte nach Gestationsdiabetes
- digitale Erinnerungs- und Dokumentationsstrukturen über die elektronische Patientenakte
- klare diabetologische Zuständigkeit in der Übergabe von Geburtshilfe zur hausärztlichen und fachärztlichen Betreuung
Prävention darf nicht am Kreißsaal enden.
Kardiovaskuläres Risiko bei Frauen mit Diabetes: unterdiagnostiziert, untertherapiert
Frauen mit Diabetes haben ein besonders hohes relatives Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse. Gleichzeitig werden Symptome häufiger fehlinterpretiert, Diagnosen später gestellt und präventive Maßnahmen nicht konsequent umgesetzt. Die Leitlinien sind vorhanden, ihre sektorenübergreifende Implementierung ist jedoch unzureichend.
Die DDG sieht hier Handlungsbedarf in den folgenden Bereichen:
- strukturierte kardiovaskuläre Risikobewertung bei allen Patientinnen mit Diabetes
- Integration standardisierter Risiko-Checklisten in digitale Dokumentationssysteme
- Qualitätssicherung über definierte Indikatoren (zum Beispiel LDL-Zielwerterreichung, Blutdruckkontrolle)
Geschlechtersensible Medizin ist ein Bestandteil präziser Risikostratifizierung.
Lebensphasenmedizin systematisch verankern
Kinderwunsch, Schwangerschaft, postpartale Phase, Menopause und Phasen hoher Care-Belastung sind metabolisch vulnerable Zeitfenster. Diese Übergänge sind zugleich präventiv besonders wirksam nutzbar. Derzeit fehlt eine systematische lebensphasenorientierte Struktur in der Diabetesversorgung.
Eine strukturierte Lösung sollte beinhalten:
- Verankerung lebensphasenbezogener Risiko-Screenings in DMP und hausärztlicher Versorgung
- spezifische Schulungsangebote für Frauen in Übergangsphasen
- Einbindung der gynäkologischen Versorgung in strukturierte diabetologische Präventionskonzepte
Mindeststandard im Krankenhaus: Präventionsfenster statt Versorgungsbruch
Viele Frauen mit Diabetes werden im stationären Setting primär wegen anderer Diagnosen behandelt. Diabetes bleibt dabei häufig eine Nebendiagnose - mit potenziell relevanten Folgen für Risikoerkennung und Therapieanpassung.
Aus Sicht der DDG erscheint es sinnvoll, - Krankenhausaufenthalte stärker als strukturiertes Präventions- und Evaluationsfenster zu nutzen, - angemessene metabolische Bewertung sowie eine systematische kardiovaskuläre Risikoeinschätzung zu berücksichtigen, - spezialisierte diabetologische Kompetenz im stationären Bereich strukturell zu stärken und angemessen abzubilden.
Ein Krankenhausaufenthalt sollte kein Versorgungsbruch sein, sondern die Chance bieten, bekannte Risiken strukturiert zu erfassen und Therapiepfade zu überprüfen.
Fazit
Frauengesundheit ist kein Nischenthema. Sie ist ein Prüfstein für die Präzision und Gerechtigkeit unseres Versorgungssystems. Wo Risiken bekannt sind, müssen Strukturen folgen. Die DDG setzt sich dafür ein, dass bekannte Risiken strukturell berücksichtigt und Übergänge im Versorgungssystem besser gestaltet werden. Ziel ist eine präzise, lebensphasenorientierte und sozial gerechte Diabetesversorgung.
Es gilt das gesprochene Wort!
Bildunterschrift: Professorin Dr. Julia Szendrödi Präsidentin der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG).
Bildquelle: www.diabsite.de
