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Chrononutrition als nicht-medikamentöser Ansatz bei Adipositas und Typ-2-Diabetes?

Essen nach der inneren Uhr

Heisenberg-Professur für DIfE-Forscherin Olga Ramich

Essen gegen die innere Uhr Seit dem 1. Juli 2024 besetzt PD Dr. Olga Ramich eine gemeinsam von der Charité - Universitätsmedizin Berlin und dem Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE) ausgerufene Professur, die über fünf Jahre durch das begehrte Heisenberg-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützt wird. Am DIfE leitet Ramich dann die neue Abteilung "Molekularer Stoffwechsel und Präzisionsernährung" und erforscht, wie sich der Zeitpunkt der Nahrungsaufnahme auf den Stoffwechsel auswirkt. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse sollen dazu beitragen, neue Ansätze für die Therapie und Prävention ernährungsabhängiger Stoffwechselerkrankungen zu entwickeln.

Von Kopf bis Fuß durchgetaktet

Die körpereigene zirkadiane Uhr ist ein einzigartiger Mechanismus, der unser Verhalten und unsere Körperfunktionen an den Tag-Nacht-Wechsel anpasst. Beim Menschen besteht dieses System aus einer Masteruhr im suprachiasmatischen Kern des Hypothalamus und einer peripheren Uhr in fast jeder Zelle des Körpers. Die Regulation der inneren Uhr auf molekularer Ebene wurde 2017 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet und besteht aus sogenannten Uhrengenen und -proteinen, die 24-Stunden-Rhythmen biochemischer und physiologischer Prozesse erzeugen. Jüngste Untersuchungen zeigen, dass die zirkadiane Uhr eine entscheidende Rolle bei der Regulierung des Stoffwechsels spielt.

In den letzten Jahren haben die Erkenntnisse über die komplexe Wechselwirkung zwischen Ernährung, zirkadianer Uhr und Stoffwechselgesundheit zur Entwicklung einer neuen wissenschaftlichen Disziplin geführt, die als "Chrononutrition" bezeichnet wird. Trotz des zunehmenden Interesses an dem Thema sind die Auswirkungen der Essenszeiten auf den Stoffwechsel und die dahinter liegenden Mechanismen jedoch noch weitgehend unbekannt.

Chrononutrition für einen gesunden Stoffwechsel

Olga Ramich ist davon überzeugt, dass auf Chrononutrition basierende Strategien zur zeitlichen Abstimmung der Mahlzeiten ein vielversprechender, nicht-pharmakologischer Ansatz zur Prävention und Behandlung von Stoffwechselerkrankungen, wie z. B. Adipositas und Typ-2-Diabetes, sind. Mit ihrem Projektantrag "WANN und WAS sollte man essen: Chrononutrition für einen gesunden Stoffwechsel" konnte sie die DFG überzeugen und sich in dem mehrstufigen Bewerbungsverfahren das renommierte Heisenberg-Programm sichern. In den kommenden fünf Jahren wird die Forscherin innerhalb einer gemeinsamen Professur an der Charité - Universitätsmedizin Berlin lehren sowie am DIfE die Abteilung "Molekularer Stoffwechsel und Präzisionsernährung" leiten. Damit führt sie ihre 2018 als Leiterin der Forschungsgruppe "Molekulare Ernährungsmedizin" begonnene und bereits erfolgreiche Forschung weiter.

Innerhalb des Heisenberg-Programms wird Ramich untersuchen, wie sich der Zeitpunkt der Nahrungsaufnahme auf den Stoffwechsel auswirkt. Dabei fokussiert sie sich insbesondere auf die zeitliche Verteilung der Aufnahme der drei Makronährstoffe Kohlenhydrate, Proteine und Fette. So haben sie und ihr Team in diesem Jahr die sogenannte "PROTeIn-rich MEals to control glucose" (PROTIME)-Studie begonnen. In dieser 14- bis 16-wöchigen Ernährungsinterventions-Studie untersucht die Abteilung, welcher Zeitpunkt der Eiweißaufnahme am besten für den Stoffwechsel, den 24-stündigen Blutzuckerspiegel und die kardiovaskulären Risikofaktoren bei Personen mit Typ-2-Diabetes und Prädiabetes ist. In-vitro-Experimente, molekulare Analysen der Bioproben sowie die Auswertung bereits vorhandener Datensätze bezüglich der Zusammenhänge zwischen Genetik und Umweltfaktoren auf die Variation des Mahlzeitentimings sowie dessen Beziehung zu Stoffwechselparametern, sollen die Humanstudien ergänzen.

Passionierte Forscherin

"Seit 2009 arbeite ich nun schon an dem spannenden und bislang unzureichend erforschten Thema über die Bedeutung unserer inneren Uhr für die Stoffwechselgesundheit. Ich danke der DFG für die Unterstützung meiner Forschungsziele. Ich bin überzeugt davon, dass ich weitere wichtige Erkenntnisse gewinnen kann, die zukünftig in der Therapie und Prävention ernährungsabhängiger Stoffwechselerkrankungen zur Anwendung kommen", sagt Ramich. Die Bedingungen dafür seien am DIfE durch die hervorragende Forschungsinfrastruktur und die interdisziplinäre Zusammenarbeit gegeben.

"Ich freue mich über die zweite Heisenberg-Professur in diesem Jahr für das DIfE. Mit ihrem enormen Erfahrungsschatz auf dem Gebiet der Humanstudien und ihrem aktiven nationalen und internationalen Kooperationsnetzwerk haben wir mit Prof. Olga Ramich eine junge, hoch motivierte und ambitionierte Wissenschaftlerin gewonnen, die optimal unsere Forschung am DIfE ergänzt", fasst Prof. Tilman Grune, wissenschaftlicher Vorstand am DIfE, zusammen.

Zur Person

Olga Ramich begeisterte sich schon früh für die Schnittstelle zwischen Medizin und Biologie. Sie studierte von 1997 bis 2004 Biologie an den russischen Universitäten in Tambov und Pushchino und machte eine Ausbildung zur Krankenschwester. 2006 kam Ramich als Doktorandin ans DIfE und schloss sich der Abteilung "Klinische Ernährung" an. In ihrer Doktorarbeit untersuchte Ramich die Rolle des Insulin-abbauenden Enzyms (IDE) bei der Entstehung von Diabetes. Im Jahr 2010 promovierte sie an der Charité - Universitätsmedizin Berlin. Während ihrer Postdoc-Zeit am DIfE erforschte Ramich die molekularen und pathophysiologischen Mechanismen der Stoffwechselregulation durch die Ernährung. Darüber hinaus begann sie damit, die Bedeutung der zirkadianen Uhr in der metabolischen Homöostase, der Ernährungsreaktion und der Pathogenese von Stoffwechselerkrankungen zu untersuchen, was zu einem Schwerpunkt ihrer aktuellen Forschung wurde. Ramich war eine der ersten Forscherinnen, die gezeigt hat, dass die Kalorienaufnahme, die Nahrungszusammensetzung und der Zeitpunkt der Nahrungsaufnahme die zirkadianen Rhythmen beim Menschen verändern können. Im Jahr 2018 habilitierte sie im Fach Experimentelle Ernährungswissenschaft an der Charité - Universitätsmedizin Berlin und leitete seitdem die Forschungsgruppe Molekulare Ernährungsmedizin am DIfE.

In ihrer bisherigen wissenschaftlichen Laufbahn veröffentlichte Olga Ramich mehr als 65 Publikationen in führenden Zeitschriften ihres Fachgebiets. Für ihre Forschungsarbeit auf dem Gebiet der Chrononutrition wurde sie bereits mit renommierten wissenschaftlichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Morgagni-Preis der European Association for the Study of Diabetes (EASD) im Jahr 2020 und der Adam-Heller-Preis der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) im Jahr 2021.

Hintergrundinformationen

Die Heisenberg-Professur der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zählt zu einem der höchstdotierten Instrumente der Drittmittelförderung in Deutschland. Das nach dem Physiker Werner Heisenberg benannte Programm fördert exzellente Nachwuchswissenschaftler*innen, die bereits alle Voraussetzungen für den Ruf auf eine Professur erfüllen. Die Forschenden werden für fünf Jahre von der DFG mit Personal- und Sachmitteln unterstützt und erhalten damit die Möglichkeit, ambitionierte Forschungsprojekte an einem Ort ihrer Wahl zu etablieren und so ihre wissenschaftliche Reputation weiter zu steigern. Die Professur wird nach den fünf Jahren bei einer positiven Evaluierung verstetigt und gibt den Forschenden Planungssicherheit.

Bildunterschrift: Chrononutrition oder Essen nach der inneren Uhr bei Adipositas und Typ-2-Diabetes?
Bildquelle: Monika Gause für www.diabsite.de.

zuletzt bearbeitet: 02.07.2024 nach oben

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