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Diabetes 2030

Expertenstatement von Prof. Dr. med. Dr. h.c. Diethelm Tschöpe, Klinikdirektor Diabeteszentrum Herz- und Diabeteszentrum NRW, Universitätsklinik der Ruhr-Universität Bochum, im Rahmen der Veranstalung von Novo Nordisk: "Wie gut geht es Menschen mit Typ-2-Diabetes wirklich?" am 23. September 2021 in Berlin.

Patienten angemessen behandeln

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Diethelm Tschöpe, Klinikdirektor Diabeteszentrum
Herz- und Diabeteszentrum NRW, Universitätsklinik der Ruhr-Universität Bochum. Die Diabetesprävalenz steigt. Das deckt sich national und international mit Daten aus der Versorgung und Wissenschaft. Auch die IDF (International Diabetes Federation) bestätigt, dass von den geschätzten 463 Millionen erwachsenen Diabetikern weltweit allein 59 Mio. in Europa leben. In Deutschland hat der Anteil der Menschen mit Diabetes gegenüber dem zuletzt veröffentlichten IDF-Bericht 2017 sogar um 25 Prozent zugelegt. Geschätzt 9,5 Mio. Menschen sollen von Diabetes betroffen sein, bei 4,5 Mio. sei die Erkrankung bislang nicht diagnostiziert, heißt es im IDF-Atlas 2019 [1].

Diese Zahlen machen deutlich, dass wir über eine tickende Zeitbombe sprechen, wenn wir die Versorgung der Menschen, die von Diabetes betroffen sind, diskutieren. Wir als Experten wissen, dass defizitäre Strukturen in der Versorgung prognostisch ungünstig für Patienten sind. Die Bombe wird explodieren, wenn aus falscher oder fehlender Behandlung Patienten lebensbedrohlich zu Schaden kommen. Die Politik wird vermutlich aufwachen, wenn die Erkrankung Diabetes die Kosten im Gesundheitssystem massiver als bislang explodieren lässt. Bis es soweit ist, bleibt die Diabetologie im weitesten Sinn auf sich allein gestellt.

Sie kann sich bemühen, Lehrstühle und klinische Standorte der Schwerpunktversorgung zu behalten. Sie kann den nationalen Diabetesplan fordern, sich für bessere Aufklärung einsetzen, auch dafür, dass Diabetes im Ranking der bedeutenden Volkskrankheiten einen größeren Stellenwert einnimmt.

In erster Linie muss die Diabetologie mit ihren handelnden Akteuren allerdings dafür eintreten, dass Patienten mit Diabetes konsequent und angemessen behandelt werden. Das schwedische Diabetes-Register mit Daten von fast 300000 Typ-2-Diabetikern, die über einen Zeitraum von 5 Jahren ausgewertet und mit Daten von mehr als 1,3 Mio. Patienten ohne Diabetes verglichen wurde, konnte eindrucksvoll belegen, dass eine dauerhaft schlechte Glukoseeinstellung bei Diabetes der höchste Risikofaktor für Schlaganfall und Herzinfarkt ist.[1]

Ergänzt werden muss, dass es nicht reicht, nur den Glukosewert zu adressieren. Sämtliche Zielwerte im Risikoprofil des Patienten sollten erreicht werden. Ernüchterung stellt sich ein, wenn die aktuelle Auswertung der NHANES-Studie zu der Schlussfolgerung führt, dass genau diese Ziele nicht erreicht werden. Die Qualität der Einstellung bei Blutzucker und Blutdruck hat seit den 2010er Jahren abgenommen - trotz Verfügbarkeit besserer Medikamente und Therapien. Nur die Hälfte der Diabetiker hatte Lipidwerte im akzeptablen, leitliniengerechten Bereich.[2] Leider fehlen solche Daten für Deutschland. Da kann man nur hoffen, dass der Patient mit Diabetes an einen Behandler gerät, der das Notwendige veranlasst, um die bestmögliche Prognose zu erreichen. Dazu gehört auch, dass die Strukturen in der Versorgung funktionieren. Diabetes 2030 bietet die Plattform zur Vernetzung für eine bessere Versorgung.

(Es gilt das gesprochene Wort!)

Quellen

  1. IDF Diabetes Atlas: Ninth edition 2019. www.diabetesatlas.org; ISBN: 978-2-930229-87-4

  2. Rawshani A, Rawshani A, Franzen S, Sattar N, Eliasson B, Svensson AM, Zethelius B, Miftarai M, McGuire DK, Rosengren A, Gudbjörnsdottir S. Risk Factors, Mortality and Cardiovascular Outcomes in Patients with Type 2 Diabetes. N Engl J Med.2018 Aug 16;379(7):633-644

Bildunterschrift: Prof. Dr. med. Dr. h.c. Diethelm Tschöpe
Bildquelle: Stiftung der Herzkranke Diabetiker (DHD)

zuletzt bearbeitet: 25.09.2021 nach oben

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