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Kinder brauchen so wenige Versuchungen wie möglich

Expertenstatement von Dr. med. Sigrid Peter, Kinder- und Jugendärztin in Berlin und stellvertretende Vorsitzende des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e.V. (BVKJ), im Rahmen der gemeinsamen Online-Pressekonferenz von AOK und Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK) am 11. März 2021.

Übergewicht, Adipositas und Diabetes Typ 2 schon bei Kindern oft Folgen der Coronapandemie mit Home-Schooling

Ich sitze hier, weil ich von der Gesellschaft als Kinder- und Jugendärztin einen Auftrag habe: mich darum zu kümmern, dass kranke Kinder wieder gesund werden und die Gesunden gesund bleiben. Dafür setze ich mich jeden Tag ein.

Die Einflussnahme der Werbeindustrie auf Kinder und Jugendliche als potenzielle Käufer ist enorm. Offen oder auch subtil werden ungesunde Lebensmittel wie Süßgetränke oder Süßigkeiten beworben. Die Reichweite von Influencern ist groß. Kinder und Jugendliche können sich der hohen Anzahl von Werbespots während der Mediennutzung kaum entziehen, und das hat Folgen auf ihr Kaufverhalten. Der übermäßige Konsum von stark zuckerhaltigen und fetthaltigen Lebensmitteln macht auf Dauer krank. Übergewicht und Adipositas sind die Folgen mit den entsprechenden Erkrankungen. Diese Werbung torpediert meine Arbeit, die Arbeit von Lehrern und Erziehern und ganz besonders die der Eltern.

Aus unterschiedlichen Gründen ist der Medienkonsum bei Kindern und Jugendlichen hoch. Ein regulierender Einfluss durch die Eltern bringt oft nicht den gewünschten Erfolg. Immer öfter werden in den Praxen Kinder und Jugendliche vorgestellt, die bereits deutlich übergewichtig sind und seit intensiver Mediennutzung ihr Konsumverhalten geändert und mehrere Kilogramm zugelegt haben. Die Folgen der Coronapandemie, das Home-Schooling, mangelnde Bewegungsmöglichkeiten und Ausfall jeglichen Sports tragen zusätzlich zu einem Übergewichtsproblem bei.

Die Animation durch die Werbung führt zu gezielten Wünschen nach Süßigkeiten, Süßgetränken und Fast Food, die meistens von den Eltern oder durch das eigene verfügbare Geld erfüllt werden. Oft ziehen sich die Jugendlichen von den gemeinsamen Mahlzeiten und dem gemeinsamen alltäglichen Leben zurück. Einige dieser Kinder und Jugendlichen sind bereits übergewichtig und das Risiko von Folgeerkrankungen steigt an. Die bisher normalgewichtigen Kinder und Jugendlichen nehmen schnell an Gewicht zu.

Die Beratung zu gesunder Ernährung, ausreichender Bewegung und bewusstem Medienkonsum sind wesentlicher Bestandteil meiner Arbeit. Den Familien mit bereits übergewichtigen Kindern werden Maßnahmen empfohlen. Hier werden Kurse genutzt, die die Themen gesunde Ernährung, Anleitung zum gemeinsamen Kochen, Bewegungsförderung und auch bewusster Umgang mit freier Zeit vermitteln. Die Erfolgsergebnisse nach der Teilnahme sind überwiegend gut. Sie werden jedoch durch den Alltag und den Rückfall in alte Gewohnheiten sehr schnell zunichte gemacht. Gezielte Werbung im Internet bringt viele wieder in die Gefahr, ihr Gewicht nicht dauerhaft halten zu können.

Was brauchen Kinder und Jugendliche, damit sie es schaffen, sich gesund zu ernähren und normalgewichtig zu werden und zu bleiben? Sie benötigen jede Hilfe, die sie bekommen können. Sie brauchen aber vor allem so wenige Versuchungen wie möglich. Den bis zu 15 Werbespots pro Tag für süßes und fettes Essen können sie aber kaum entgehen. Wir lassen sie und ihre Eltern damit allein – manche werfen ihnen dann sogar noch vor, dass sie es nicht schaffen, wenn ihre Kinder nicht abnehmen.

Als Ärztin weiß ich: So wie es jetzt ist, werden übergewichtige Kinder ihr Normalgewicht wahrscheinlich nicht wieder erreichen. Können es gar nicht erreichen. Ich weiß aber, was ihnen helfen würde: Die Freiheit vor ungesunder Werbung wäre eine wirksame "Medizin". Aber die kann ich als Ärztin ihnen nicht geben, das kann nur die Politik.

Deshalb sitze ich heute hier. Weil ich meinen gesellschaftlichen Auftrag für Kinder und Jugendliche ernst nehme. Weil ich möchte, dass Kinder ihr Normalgewicht wieder erlangen, damit sie keine Folgekrankheiten erleiden. Und weil ich möchte, dass heute normalgewichtige Kinder und Jugendliche lange so bleiben. Also, dass möglichst viele Kinder gesund bleiben. Das muss doch auch das Ziel von Politik sein! Deshalb brauchen wir sofort ein Verbot von Werbung für ungesunde Produkte.

(Es gilt das gesprochene Wort!)

zuletzt bearbeitet: 21.03.2021 nach oben

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