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Diabetes-Versorgung in Pandemiezeiten

Expertenstatement von Professor Dr. med. Baptist Gallwitz, Mediensprecher der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG); Stellvertretender Ärztlicher Direktor, Medizinische Klinik IV, Universitätsklinikum Tübingen im Rahmen der gemeinsame Online-Pressekonferenz der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE), am 30. Juni 2020 in Berlin.

Die aktuelle Lage in Klinik und Praxis

Professor Dr. med. Baptist Gallwitz Im März des Jahres hat uns die Corona-Pandemie sehr schnell und mit einer Wucht erfasst, was merklich sehr viele Lebensbereiche auch durch den "Lockdown" berührt hat. Die von der WHO vor einigen Jahren ausgerufene "Diabetes-Pandemie", die vergleichsweise als "stille Epidemie" einer chronischen nicht übertragbaren Krankheit weit weniger wahrgenommen wird als die durch das Coronavirus verursachte Infektionskrankheit, ist durch die derzeitigen Entwicklungen auch deutlich tangiert. Die Diabetesversorgung in Deutschland ist trotz der schrittweisen Lockerungen der Einschränkungen noch lange nicht wieder in den Status quo vor der Corona-Pandemie zurückgekehrt.

Mit Beginn der Einschränkungen im März hat sich die Versorgung von Menschen mit chronischen Erkrankungen und mit Diabetes plötzlich und einschneidend reduziert. So wurden - auch durch eine entsprechende Entscheidung des Gemeinsamen Bundesauschusses (G-BA) - Diabetesschulungen in Gruppen im ambulanten Sektor mit dem Hinweis auf den Infektionsschutz ausgesetzt. Praxen haben die Patientenzahlen und Besuchskontakte verringert und in Kliniken wurden die Kapazitäten auf die Versorgung von Patienten mit einer Covid-19-Infektion konzentriert, sodass auch im stationären Sektor Diabetesabteilungen nur sehr eingeschränkt zugänglich waren.

Der Verband der Diabetesberatungsberufe (VDBD) hat in einer Umfrage im April ermittelt, dass 30 Prozent der Diabetesberatenden reduziert gearbeitet haben, sich 14 Prozent in Kurzarbeit befanden und sogar zwei Prozent freigestellt waren. Als Grund gaben 77 Prozent der Befragungsteilnehmer ein deutlich reduziertes Patientenaufkommen an. Qualifizierte Diabetesberatung durch entsprechende Beraterinnen und Berater ist ein vorausgesetztes Strukturmerkmal einer zertifizierten Diabeteseinrichtung, sodass die vom VDBD durchgeführte Umfrage repräsentativ für die Lage der Diabetesversorgung in Deutschland im April ist.

Mit den Lockerungen entschärft und bessert sich die Situation langsam, gleichzeitig erfahren wir jedoch von Patientinnen und Patienten, dass aus Sorge und Angst vor Ansteckung Arzttermine und reguläre Kontroll- und Vorsorgeuntersuchungen nicht wahrgenommen werden. Dieser Befund ist sehr besorgniserregend, da wir aus ersten Erfahrungsberichten und Veröffentlichungen wissen, dass gerade die Diabetespatienten mit einer entgleisten Stoffwechsellage und mit Begleit- und Folgeerkrankungen eher von Komplikationen und einem schweren Verlauf bei einer Covid-19-Erkrankung betroffen sind. Daten einer frühen Erhebung aus China weisen darauf hin, dass eine normnahe Stoffwechseleinstellung das Sterblichkeitsrisiko an einer Covid-19-Erkrankung um 86 Prozent verringern kann.[1] Auch neuere Untersuchungen aus Großbritannien, Italien und Frankreich bestätigen diesen Zusammenhang.

Leider werden sich die Gesundheitssysteme und die Gesellschaft voraussichtlich noch längere Zeit mit der durch SARS-CoV-2 verursachten Viruserkrankung beschäftigen und sich auf weitere Änderungen und Anpassungen vorbereiten müssen. Aus diesem Grund sollten gerade Menschen mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes mellitus in dieser Situation optimal versorgt sein. Dies betrifft vor allem die Patientinnen und Patienten, die einer besonderen Risikogruppe angehören. Menschen mit Diabetes sollten daher unbedingt unverändert ihre ärztlichen Kontrolltermine in gleicher Frequenz wie vor der Corona-Pandemie in Anspruch nehmen. Die Praxen und Kliniken haben mittlerweile gute und effektive Hygienekonzepte implementiert. Zunehmend ergänzen auch telemedizinische Versorgungskonzepte mit entsprechenden Video- und Telefonsprechstunden sowie telemedizinische Schulungsangebote die Versorgungsmöglichkeiten.

Die telemedizinischen Möglichkeiten sind jedoch nur eine Ergänzung und können nicht dauerhaft den direkten Arztbesuch ersetzen, vor allem nicht bei akuten Komplikationen. Gerade bei akuten Infektionen, einer Erstdiagnose eines Diabetes, einer akuten Stoffwechselentgleisung oder einer Fußläsion sind Untersuchungen oder Behandlungsmaßnahmen notwendig, die einen unmittelbaren Arztbesuch erforderlich machen.

Neben der Corona-Pandemie hat auch laut der WHO und der Internationalen Diabetesföderation (IDF) Diabetes mellitus pandemische Ausmaße mit mehr als 460 Millionen Betroffenen weltweit erreicht. In Deutschland gehen wir von derzeit circa sieben Millionen Diabetespatientinnen und -patienten aus, täglich kommt es zu circa 1.000 Neumanifestationen und einer Schätzung des Deutschen Diabetes-Zentrums nach könnten im Jahr 2040 zwölf Millionen in unserem Land betroffen sein. Diabetes verkürzt die Lebenszeit statistisch um sechs bis zwölf Jahre.[2]

Aus diesen Gründen brauchen wir ein politisches Umdenken und eine engagierte Umsetzung einer - übrigens auch von der WHO geforderten - nationalen Diabetesstrategie. Leider ist diese, obwohl im Koalitionsvertrag der Regierung enthalten, nach wie vor nicht umgesetzt. Erklärbar ist das nur durch eine unterschiedliche Wahrnehmung der Bedrohung der Infektionskrankheit durch das SARS-CoV-2-Virus und der Bedrohung der chronischen nicht übertragbaren Erkrankung Diabetes mellitus, die oft unterschätzt wird. Eine wirksame Prävention von Diabetes und Adipositas kann auch viele Menschen vor einem komplizierteren Krankheitsverlauf bei einer Covid-19-Erkrankung bewahren. Für die Behandlung von Diabetespatienten mit Covid-19 ist in Praxen und Kliniken die Expertise von Diabetologen und diabetologisch qualifizierten medizinischen Fachkräften eine Grundvoraussetzung.

(Es gilt das gesprochene Wort!)

Quellen

  1. Zhou F et al. Clinical Course and Risk Factors for Mortality of Adult Inpatients with COVID-19 in Wuhan, China: A Retrospective Cohort Study. Lancet 2020 Mar 28; 395(10229):1054-1062. doi: 10.1016/S0140-6736(20)30566-3. Epub 2020 Mar 11.

  2. Jacobs E et al. Burden of Mortality Attributable to Diagnosed Diabetes: A Nationwide Analysis Based on Claims Data from 65 Million People in Germany. Diabetes Care 2017 Dec; 40(12):1703-1709.

Bildunterschrift: Professor Dr. med. Baptist Gallwitz
Bildquelle: www.DiabSite.de

zuletzt bearbeitet: 20.07.2020 nach oben

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