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Can't is just a four letter word … oder: Der Weg ist das Ziel

New York City Marathon am 4. November 2012

Bilder zum Vergrößern bitte anklicken.

Nach der Absage des NYC Marathons am Freitagabend waren alle Marathonis, die ja schon vor Ort waren, unglaublich enttäuscht, traurig, fassungslos. Wäre der NYC Marathon direkt am Dienstag nach dem Wirbelsturm Sandy abgesagt worden, hätten es alle verstanden, aber uns erst anreisen zu lassen um dann, kurz vor dem Start das Ganze abzusagen, war für alle, die viele Wochen und Monate für dieses Ereignis trainiert, sich darauf wahnsinnig gefreut haben, einfach ohne Worte, unglaubliche Sprachlosigkeit.

Aber ein echter Marathonläufer lässt sich, nachdem er sich vom ersten Schock erholt hat, von so einer Absage nicht vom Marathon abbringen: Don't stop me now oder - keep on running! Also haben sich tausende Marathonläufer am Marathonmorgen im Central Park verabredet.

Start vom Hotel Dort fand 1970 der allererste NYC Marathon statt. Damals zahlten 127 Läufer ein Startgeld von einem Dollar und umrundeten den Central Park mehrere Male. Was 127 Läufer 1970 konnten, das können wir auch 2012 - also, los ging's. Ich startete am Morgen um 8 Uhr in meinem Hotel in Queens, natürlich mit extremer Ausrüstung UND meiner offiziellen Startnummer, da wir uns ja die gesamte Strecke über komplett alleine verpflegen mussten, auch mit Wasser etc. Ich überquerte die Queensboro Bridge und lief gegen 9 Uhr im Central Park ein, um dort die historische Marathonstrecke von 1970 zu absolvieren. Tausende von anderen Marathonläufern aus aller Welt hatten den gleichen Spirit, die gleiche Überzeugung, den Enthusiasmus, den nur echte Marathonis aufbringen können - was stört mich eine Absage, ich bin hier, um den Marathon zu laufen.

(Natürlich bedeutet das nicht, dass wir nicht tiefes Mitgefühl gegenüber den Opfern von Sandy hätten, wir haben versucht, vor Ort zu helfen, wo es möglich war, haben alle unser Startgeld und jegliche Verpflegung den Opfern gespendet und einige sind sogar nach Staten Island gegangen um den Opfern diese Spenden zu überbringen.)

Schon auf der Brücke wurde ich von entgegenkommenden Joggern begrüßt, abgeklatscht und angefeuert: Go, marathoner, go - Just do it!

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Im Central Park

im Central Park Im Central Park war die Stimmung unfassbar, unbeschreiblich, einzigartig - mexikanische Läufer rannten mit traditionellen Ponchos und Sombreros, mindestens 30 spanische Läufer trugen eine riesige spanische Flagge, hunderte von Italienern rannten in Trikots mit der Landesfahne. Aber auch die Amerikaner vor Ort zeigten ihren unvergleichlichen amerikanischen Spirit, ebenso wie im Jahr 2001, als der NYC Marathon nach 9/11 trotzdem stattgefunden hatte, nach dem Motto: Jetzt erst recht - wir Amerikaner lassen uns weder von Terroristen noch von Naturgewalten unterkriegen - wir sind stolz auf unser Land! Ein Beispiel dafür: an der 5th Avenue stand eine junge Amerikanerin (gesegnet mit einer unglaublichen Stimme) mit der rechten Hand auf ihrem Herzen und sang aus tiefster Überzeugung für alle vorbeilaufenden Marathonläufer die amerikanische Nationalhymne - Gänsehaut pur!

Je später der Vormittag, desto mehr New Yorker kamen, um die Marathonläufer zu unterstützen, sie brachten Wasser, Elektrolytgetränke, Obst, übriggebliebene Süßigkeiten von den abgesagten Halloweenparties mit und verpflegten die Läufer im Park so gut es eben völlig improvisiert ging. Einige bildeten sozusagen ein Spalier, indem sie sich an den Händen hielten und die Läufer unter diesen hindurch liefen - begleitet von ohrenbetäubenden Anfeuerungsrufen und Beifallsstürmen. Yes - we can!

Für mich war dies der ursprünglichste aller Marathonläufe, im echten Spirit des: dabei sein ist alles! Es ging nicht um irgendwelche Bestzeiten, Stunden, Minuten oder Sekunden, sondern um den wirklichen Sport - die Freude an der gemeinsamen Bewegung, die Begeisterung des Dabeiseins und - des Ankommens. Der: run anyway marathon 2012.

Frenetisch gefeiert von der New Yorker Bevölkerung, denn …

Der Weg ist das Ziel!

Da ich allerdings zu den wenigen Laufexoten gehöre, die ganz ohne Uhr läuft, also auch ohne moderne GPS-Steuerung, hatte ich hier ein kleines Problem, im Vorfeld hatte man mir gesagt, dass die Strecke um den Central Park eine Länge von sieben bis acht Kilometern hat, also die historische Marathonstrecke bedeutet, den Central Park fünfmal zu umrunden, mit meinen circa fünf bis sechs Kilometern von meinem Hotel bis zum Central Park müssten dann also fünf Umrundungen ausreichen - gesagt, getan.

im Central Park Ich wurde getragen von der Welle der Begeisterung entlang der Strecke, ob jetzt ein schottischer Dudelsackspieler, Schweizer Kuhglocken, afroamerikanischen Trommelgruppen, der aus vollstem Herzen geschmetterten amerikanischen Nationalhymne, dem Jubel und den Anfeuerungsrufen der entgegenkommenden Marathonläuferinnen und -läufer, denn der Central Park wurde von den Marathonis in beiden Richtungen umrundet.

Aber irgendwann, zu Beginn der vierten Runde des extrem hügeligen Central Parks, schmerzten meine Beine unvorstellbar, klar, als Flachlandläuferin aus Berlin war ich diese Berge im Central Park nicht gewöhnt. Natürlich lief ich auch mit einem viel zu hohen Blutzuckerwert, denn ich wollte ja kein Risiko eingehen, ich dachte ja zu Anfang, dass es keinerlei Verpflegung entlang der Strecke geben würde, keinerlei medizinische Betreuung, also musste ich alles, was ich auch für meine Diabetesversorgung im Notfall brauchen würde, mit mir tragen: ein Blutketonmessgerät, den Precision Xceed mit Blutzucker- und Blutketonmessstreifen, Insulin, Einmalspritzen, Ersatzkatheter für die Insulinpumpe, meinen Frestyle Navigator, damit ich zumindest glukosemäßig richtig navigiert bin, Massen an Not-BE in Gelform, da diese möglichst viele Kohlenhydrate bei geringem Gewicht gewährleisten und vor allem Wasser. Glücklicherweise gab es dann ja doch Verpflegung, vor allem "Wasserstellen". Ich füllte also einmal pro Runde meine zwei kleinen Wasserflaschen, mehr konnte ich bei meiner sowieso schon sehr üppigen Versorgung in meiner Laufweste nicht transportieren, aber reichte das bei den hohen Blutzuckerwerten?

Ich versuchte mich Kilometer für Kilometer voran zu quälen, nach dem Motto: noch einen Kilometer für Mama, einen für Papa, einen für Brigitte, einen für Angelo, einen für Prof. Berger, einen für Claudia, einen für Andreas, einen für Bernhard und den Heinrich Sauer Preis, usw. Irgendwann kam eine ganz steile Passage Bergab, am Fuße des Hügels standen Dutzende von Amerikanern, die ein umtosendes Jubelszenario veranstalteten, also: gut aussehen! Nochmal alles geben, ich erhöhte mein Tempo, und plötzlich schoss ein irrer Krampf durch mein linkes Bein. Sowas hatte ich bis dato erst bei anderen Läufern gegen Ende einer Marathonstrecke gesehen, wenn diese sich dann schmerzverzerrt versuchten, irgendwo verzweifelt zu dehnen, ich hatte das auch im Buch von Hajo Schuhmacher: "Bewegt Euch" auf dem Hinflug gelesen, er beschrieb, wie ihn ein solcher Krampf gegen Ende des Berlin Marathons ereilte und er für die letzten zwei bis drei Kilometer hüpfend und schleichend über dreißig Minuten gebraucht hatte - "Weichei", hatte ich im Flugzeug noch überheblich gedacht! Nun ereilte mich selber dieses Desaster. Ich wusste gar nicht mehr, wie ich auftreten, geschweige denn, noch weitere Kilometer bis ins Ziel laufen sollte. Ganz laaaaaaaaaaaaaangsam ging ich einige Schritte und hatte Glück, der Krampf löste sich und ich konnte weiter gehen.

Was war los: war ich etwa zu schlecht trainiert, rächte es sich, dass ich am Vortag über 25 Kilometer durch New York gegangen war? Da wusste ich ja noch nicht, dass der alternative Marathon am nächsten Tag doch stattfinden würde, ich hatte am Abend vor meinem Marathon also schon richtig schwere Beine. War ich bei der für einen Marathon doch deutlich zu geringen Wasserzufuhr jetzt doch dehydriert? Rächte sich der über Stunden deutlich zu hohe Blutzuckerwert jetzt gegen Ende des Marathons? Oder lag es daran, dass ich als Verpflegung nur auf diese "immens wohlschmeckenden" Gels zurückgreifen konnte, etwas, was ich bei meinen früheren Marathonläufen oder im Training nie in einem solchen Maß konsumiere. Folgerichtig habe ich diese dann auch gegen Ende des Laufes wieder den Büschen im Central Park zurück gegeben, mein Magen hat mir unmissverständlich signalisiert, dass er diese klebrige Masse in einem solchen Umfang keinesfalls toleriert.

In dem Moment lief eine deutsche Läuferin an mir vorbei, ich humpelte hinter ihr her und fragte sie, ob sie eigentlich eine Ahnung hätte, wie lang eine dieser Runden denn wirklich sei? Klar, sagte sie, eine Mitläuferin hätte die Strecke mit einem Fahrradtacho ausgemessen, es wären knappe 10 Kilometer pro Strecke. Was?! 10 Kilometer, ich hatte gedacht 7. Ja, sieben Kilometer war die historische Strecke durch den Park, aber seit 1970 war der Central Park nochmal umgebaut und renoviert worden und die neue Strecke hatte eine Länge von zehn Kilometern, entgegnete sie mir sehr hilfsbereit. Das änderte ALLES! Ich dankte ihr und ließ sie mit dieser für mich sensationellen Information weiter laufen. Damit hatte ich also den Marathon längst geschafft, ich war ja circa sieben Kilometer vom Hotel in den Central Park gelaufen und hatte schon 3,5 Runden von jeweils 10 Kilometern Länge absolviert - also, Glückwunsch, ich war hier und jetzt erfolgreiche Finisherin des eigentlich abgesagten und doch stattgefundenen New York City Marathons!

Ich war überglücklich, wahnsinnig stolz, unfassbar erleichtert und ging ganz entspannt die letzten Kilometer bis ins Ziel, genoss einfach die Stimmung, machte Fotos - ich hatte es geschafft!

Medaille für die Teilnahme Nachtrag: Nach meiner Ankunft im Hotel (ich bin den Rückweg nicht mehr gelaufen, sondern habe mich ganz bequem mit dem Taxi fahren lassen) haben wir uns noch mit den anderen Läufern von der deutschen Tourgruppe zusammengesetzt. Die meisten von ihnen waren nur eine Runde um den Park gelaufen und hatten den Rest des Tages mit sight seeing in New York verbracht. Ein Mitläufer hat dann per GPS meine Strecke nachgemessen: ich bin also "unwissend" nicht nur einen vollen Marathon gelaufen, sondern hatte fast 50 Kilometer mit insgesamt 3.000 Höhenmetern in den Beinen.

Ich bin bei einem Marathonlauf mitgelaufen, der in dieser Art wohl einzigartig in der Geschichte der New York City Marathonläufe sein wird und habe mir damit meine Finishermedaille, die vom New York City Road Runners Club freundlicherweise den Tourveranstaltern für diesen alternativen Marathonlauf zur Verfügung gestellt wurden, mehr als verdient! Ich werde diesen Tag und diesen ganz unvergleichlichen Marathonlauf niemals vergessen!

Ulrike Thurm, Berlin

Quellen

Text- und Bildquelle: Ulrike Thurm

zuletzt bearbeitet: 01.01.2013 nach oben

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