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Ich bin Typ-2-Diabetiker!

Michels außergewöhnliche Diabetesgeschichte

Ich heiße Michel und bin zwölf Jahre alt. Wäre ich 66, würde ich diesen Beitrag nicht schreiben und mein Diabetes hätte einen Namen: "Altersdiabetes" oder "Typ-2-Diabetes". Wenn ich aber sage: "Ich bin ein Typ-2-Diabetiker", reagieren die anderen nur mit einem Stirnrunzeln und denken, ich bin ein Spinner. In deren Köpfen steht fest: Es gibt nur Kinder mit Typ-1-Diabetes, und die sind insulinpflichtig.

Ich war beim großen "Zuckertest" und hatte die besten Messergebnisse der letzten fünf Jahre. Mein Diabetes-Doktor sagte, ich kann jetzt ganz normal essen, bis ich irgendwann Insulin brauche. Ich habe den Kopf geschüttelt.

Nach fünf Jahren Behandlung begreift der Doktor noch immer nicht, dass mein Diabetes und ich anders sind. Meine Bauchspeicheldrüse arbeitet und produziert Insulin. Das Insulin wird allerdings erst mit einer Verzögerung von etwa einer Stunde und mit geringerer Kraft wirksam. Deshalb muss meine Bauchspeicheldrüse mächtig arbeiten und "vergisst" dann aufzuhören. Gute Ergebnisse heißen für mich nicht gleichzeitig, dass ich kein Diabetiker bin und alles essen kann. Im Gegenteil: Gute Werte sind hart erkämpft, und ich muss dafür täglich eisern sein.

Keine Erklärungen, nur Widersprüche

Ich war drei Jahre und hatte immer fürchterlichen Durst. Nachts habe ich Mutti fast jede Stunde geweckt, weil ich trinken wollte oder auf Toilette musste. Unser Hausarzt wollte mich zum Psychologen schicken. So was könne nicht "normal" sein, sagte er. Mutti solle mich nicht so viel baden, dann juckt die Haut nicht. Wunden verheilten schlecht. Gegen die dauernde Müdigkeit bekam ich Eisentabletten. Oft war ich aggressiv und wollte einfach nur meine Ruhe. Wenn ich mal Heißhunger hatte, musste ich fürchterlich brechen, und manchmal roch ich komisch aus dem Mund. Irgendwie war ich zu klein geraten, obwohl ich bei der Geburt Gardemaß hatte. Jedes Symptom wurde einzeln behandelt.

Mit sechs Jahren kam ich in die Schule. Dort bin ich ganz oft eingeschlafen und habe meine Arme blutig gekratzt. War das peinlich! Endlich wurde ich von Kopf bis Fuß untersucht. Schon nach der ersten Blutauswertung wusste ich, wer mich ärgert - mein Diabetes. Ein erneuter Test bestätigte die erhöhten Blutzuckerwerte. Nun gingen die Untersuchungen erst richtig los. Verwundert stellte man fest, dass der Zuckerabbau zeitlich versetzt ist. Typische Zeichen, wie sie sonst bei Typ-1-Kindern sind, fehlten. Es wurden keine Antikörper nachgewiesen. Die Therapie stand schnell fest: Nichts tun und beobachten. Von Seiten der Ärzte gab es keine wirklichen Erklärungen oder Tipps, nur Widersprüche. Ich bin ihnen nicht böse. Es gab und gibt bis heute in Deutschland nur spärliche Erfahrungen mit Typ-2-Kindern.

Mit Erfolg gegen jeden Verstand

Doch Mutti hat solche Gründe nicht gelten lassen. Schließlich erlebte sie täglich, wie ich mich quälte. Also las sie alles über Diabetes, ging zu Diabetiker-Foren und besuchte die Infostände des Diabetikerbundes. Ihr fiel auf, dass die Zeichen meines Diabetes viel besser zum Typ-2-Diabetes passten als zum Typ-1-Diabetes. Wenn meine Bauchspeicheldrüse so viel mehr arbeiten muss, würde sie wie bei einem übergewichtigen Menschen schnell müde werden. Etwas dagegen zu tun, war meine Chance.

Wir achteten von nun an darauf, den Zucker im Essen zu reduzieren. Mutti bezahlte ein Messgerät und die Teststreifen aus eigener Tasche. Immer wenn es mir schlecht ging, testeten wir. Stets waren die Werte erhöht. Schon eine geringe Abweichung konnte ich spüren. Gemeinsam überlegten wir, was ich gegessen hatte. Jedes Mal waren versteckter Kristall- oder gar Traubenzucker die Übeltäter. Es gab ungeahnte Tücken: Wer denkt schon immer an die vorgezuckerten Eierkuchen in der Schulküche, das falsch gelesene Etikett auf der Saftflasche oder die plötzlich vom Hersteller umgestellte Rezeptur meines Lieblingsmüslis? Im Krankenhaus bekam ich nach einer Operation voll gezuckertes Essen. Ich trat in den Hungerstreik und wurde als Lügner beschimpft. Erst ernste Worte von Mutti ermöglichten wenigstens den Austausch von offensichtlichem Zucker in Süßstoff. Wochen danach war meine Bauchspeicheldrüse noch "eingeschnappt" und ich hatte schlechte Werte.

Auf den Körper hören

Ich habe gelernt, auf meinen Körper zu hören, jedes Signal zu deuten. Mutti und ich haben unzählige Selbstversuche unternommen. Wir haben für mich eine eigene Diät entwickelt. Alle mussten sich umstellen: Von der Oma bis zur Schule. In unserem Haushalt gibt es nur noch Fruchtzucker oder Austauschstoffe. Wenn meine Schwester von meinen Bonbons zu viel nascht, merke ich das sofort. Sie blockiert dann das Badezimmer häufiger als sonst und das Toilettenpapier nimmt beachtlich ab.

Selbst größere Mengen Zuckerersatz machen mir nichts aus. Omas Kuchen ist mit Fruchtzucker genauso lecker. Wir kaufen nur dort ein, wo man auch an Diabetiker denkt. So muss ich nie zuschauen. Entweder wir haben alle ein Eis oder keiner. Unseren Bäcker im Ort habe ich so lange genervt, bis es zu Fasching Diabetikerpfannkuchen gab. Die Resonanz war so groß, dass ich kaum einen abbekam. Auch der Schulkoch gibt sich jetzt besondere Mühe und kocht extra für mich, damit ich bald so groß bin wie meine Klassenkameraden. Komischerweise wachse ich nämlich seit der Essensumstellung wie alle anderen Kinder.

Jetzt bin ich stolz auf mich und auf meinen Diabetes, der sich nicht besiegen lässt, aber mit dem man als "Freund" gut leben kann. Auch mit meinem Doktor bin ich inzwischen zufrieden. Er hat einen Kongress besucht, auf dem es um Typ 2 bei Kindern ging, er hat noch einmal Tests gemacht und uns endlich, nach nunmehr sechs Jahren im "Niemandsland", bestätigt, dass ich einer dieser wenigen Fälle bin. Er hat uns zu unserem eisernen Willen gratuliert und gesagt, dass unser Weg genau richtig war. Ich bin sicher: Wenn ich weiter so tapfer bin, kann ich es noch lange ohne Medikamente schaffen.

Durch meinen Bericht möchte ich auf uns Kinder mit Typ-2-Diabetes aufmerksam machen. Ich wünsche mir, dass sensibler mit dem Krankheitsbild umgegangen wird und vielen Kindern der Griff zum Insulin erspart bleibt. Nur Früherkennung ermöglicht eine rechtzeitige Therapie. Sicher wäre es für die Akzeptanz wichtig, für uns einen eigenen Diabetes-Typ einzuführen.

Euer Michel

zuletzt bearbeitet: 23.09.2001 nach oben

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