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Das diabetische Fußsyndrom

Das Diabetes-Portal DiabSite im Gespräch mit Dr. Albrecht Fießelmann

Dr. Albrecht Fießelmann Dr. Albrecht Fießelmann, seit über 15 Jahren Oberarzt im Auguste-Viktoria-Krankenhaus in Berlin, ist Diabetologe DDG. Als Leiter einer Diabetesstation, die als Schulungszentrum für Typ-2-Diabetiker anerkannt ist, gehört das diabetische Fußsyndrom zu seinen Schwerpunktthemen.
Im Interview mit DiabSite-Redakteurin Helga Uphoff erklärt Dr. Fießelmann, warum es bei Diabetes häufig zu Problemen mit den Füßen kommt und was Diabetiker vorbeugend gegen das diabetische Fußsyndrom tun können.

DiabSite:
Herr Dr. Fießelmann, Diabetiker sollen besonders auf ihre Füße achten. Was unterscheidet die Füße des Diabetikers eigentlich von anderen Füßen?
Fießelmann:
Die Füße eines Typ-2-Diabetikers oder eines Langzeit-Typ-1-Diabetikers sind sehr empfindlich. Durch die Neuropathie geht das Gefühl für die Füße verloren und sie werden daher nicht mehr so fürsorglich behandelt. Schon kleine Verletzungen können bei Diabetikern zu schweren Entzündungen führen, die manchmal sogar die Amputation einer Zehe, des Fußes oder gar des ganzen Beines erforderlich machen.
DiabSite:
Und was sind die Gründe für dieses sogenannte diabetische Fußsyndrom?
Fießelmann:
Es gibt zwei Gründe für das diabetische Fußsyndrom. Einerseits die Neuropathie, das sind Nervenstörungen, die die Füße unempfindlich machen, so dass Druckstellen, hohe Temperaturen oder Verletzungen kaum noch wahrgenommen werden. Wenn Sie beispielsweise in eine Glasscherbe treten, einen Stein im Schuh haben, im Sommer auf sehr heißem Sand laufen, oder der Schuh einfach zu eng ist, und sie die Warnsignale des Körpers, die Schmerzen, nicht spüren, kann das erhebliche Folgen haben. Andererseits tritt bei Diabetikern oft, vor allem, wenn eine Fettstoffwechselstörung hinzukommt, die sogenannte Angiopathie auf. Diese Durchblutungsstörungen bedeuten eine Unterversorgung des Gewebes mit Sauerstoff und Nährstoffen, was zum Absterben von Gewebe führen kann. Darüber hinaus verschlechtert eine ungenügende Blutzuckereinstellung die Infektionsabwehr, wodurch die Wundheilung beeinträchtigt ist.
DiabSite:
Was kann ein Diabetiker selbst tun, um dem vorzubeugen?
Fießelmann:
Das Wichtigste ist eine sehr gute Stoffwechseleinstellung, dazu gehört auch der Fettstoffwechsel. Ferner fördern Übergewicht, hoher Blutdruck und Rauchen die Angiopathie. Diese Gefahren sollten ausgeschaltet werden. Außerdem sollten Diabetiker ihre Füße vor Hitze- oder Kälteschäden bewahren. Gehtraining und Fußgymnastik fördern die Durchblutung der Gefäße. Schließlich müssen Verletzungen, auch kleine Risse in der Hornhaut, sehr bald mit einer desinfizierenden Salbe, z. B. Jodcreme, behandelt werden. Wenn man noch keine Nerven- oder Durchblutungsstörung hat, kann man eine Fußpflege wie jeder andere machen. Sollte es dagegen Hinweise auf eine Neuropathie geben, müssen Diabetiker die Füße täglich kontrollieren. Besonders nach einer längeren Wanderung (oder auch mal zwischendurch) ist darauf zu achten, ob Blasen oder Schwielen aufgetreten sind.
DiabSite:
Merke ich als Diabetikerin selbst die Anzeichen des diabetischen Fußsyndroms?
Fießelmann:
Bei beginnenden Durchblutungsstörungen kommt es beim Laufen nach einer bestimmten Gehstrecke zu Schmerzen in den Waden, die typische Schaufensterkrankheit. Allerdings können bei ausgeprägter Nervenstörung diese Warnhinweise trotz hochgradiger Durchblutungsstörung ganz fehlen. Die Frühzeichen für Nervenstörungen erkennen Menschen mit Diabetes zuerst an einer rauhen, trockenen und eher warmen Haut. Durch die Neuropathie wird der Fuß breiter, aber man kauft aus reiner Gewohnheit immer seine bestimmte Schuhgröße, und besonders die Damen wollen noch ihre Schuhe aus der Jugendzeit anziehen, die dann drücken. Da das Schmerzempfinden eingeschränkt ist, merkt man nicht, dass die Schuhe eigentlich zu klein sind. Untersucht der Diabetiker aber seine Füße, sieht er an den typischen Druckstellen und Rötungen, dass er größere Schuhe braucht.
Aber auch der Arzt sollte regelmäßig die Füße seiner Diabetespatienten untersuchen. Er kann z. B. mit einer Stimmgabel feststellen, ob das Vibrationsempfinden noch da ist oder den Blutfluss mit einer Dopplermessung untersuchen. Das ist ein ganz einfaches Gerät zum Messen des Verschlussdrucks. Ist eine Durchblutungsstörung diagnostiziert, kann der Arzt heutzutage mit dem Farbdoppler genauer feststellen, ob die Verengung beseitigt oder ein Ersatzgefäß angelegt werden muss.
DiabSite:
Herr Dr. Fießelmann, was halten Sie von speziellen Diabetikersocken, die es teilweise zu kaufen gibt?
Fießelmann:
Die Socken sind meines Erachtens nicht der entscheidende Faktor, sondern eher die Diabetikerschuhe oder die weichen Einlagen, die gerade im Frühstadium der Neuropathie Druckstellen an den Fußsohlen verhindern. Für diese durchgehende Weichteilpolsterung, das ist der Fachausdruck, gibt es heute sehr gute Materialien, z. B. Schaumstoff mit Rückstellkraft. Aber die Diabetiker sollten ganz genau darauf achten, dass sie die richtigen Einlagen bekommen. Man sieht aber leider immer wieder, dass Einlagen aus Kork, oder - das habe ich jetzt gerade erlebt - aus Metall gefertigt werden. Diese sind zwar für einen Spreizfuß gut, für Diabetiker mit Nervenstörungen aber das Schlechteste, was es gibt.
DiabSite:
Stimmt es, dass Medikamente bei Nervenstörungen wenig helfen?
Fießelmann:
Das ist tendenziell richtig, wenigstens ist hier die medikamentöse Therapie sehr umstritten, auch wenn viele Menschen Tabletten dafür einnehmen. Das Entscheidende im Vorstadium und bei bereits aufgetretener Neuropathie ist und bleibt aber die optimale Blutzuckereinstellung. Gerade bei Typ-2-Diabetikern, die ein höheres Risikoprofil haben, sollte ein HbA1c-Wert von unter 6,5 Prozent angestrebt werden. Hinzufügen muss ich aber, dass der HbA1c und die diabetische Neuropathie nicht immer in direktem Zusammenhang stehen. Es gibt Typ-2-Diabetiker (meist diejenigen, die Tabletten nehmen, obwohl für sie eine Insulintherapie günstiger wäre) mit sehr gutem HbA1c-Wert, die dennoch eine ausgeprägte Neuropathie haben.
DiabSite:
Ist denn das Auftreten des diabetischen Fußsyndroms auch ein Anzeichen für andere Spätfolgen des Diabetes?
Fießelmann:
Ist bereits eine Folgeerkrankung des Diabetes mellitus aufgetreten, müssen auch die übrigen, bei Diabetikern besonders gefährdeten Organe wie Herz, Nieren und Augen noch häufiger und sorgfältiger untersucht werden. Zu den möglichen Spätfolgen des Diabetes mellitus gehören auch die Störungen an den kleinen Gefäßen (Microangiopathie), z. B. in Augen und Nieren. Durch die Testung des Urins auf Microalbumin und regelmäßige Untersuchungen des Augenhintergrundes können Schädigungen der Nieren und der Augen rechtzeitig erkannt und behandelt werden. Hierzu gehört als effektivste Maßnahme eine optimale Blutzuckereinstellung.
DiabSite:
Müssen Diabetiker auch besonders auf Fußpilz achten?
Fießelmann:
Ja, das ist sehr wichtig. Da die Füße von Diabetikern oft eher trocken sind, steht hier nicht der Fußpilz mit Hautveränderungen zwischen den Zehen im Vordergrund, sondern der Pilz an den Zehennägeln, der durch die Neuropathie gefördert wird. Von den befallenen Nägeln gehen dann Borkenbildungen auf die Haut über, die dort Druckstellen verursachen können. Die Beseitigung dieser Borken ist das Entscheidende. Hier möchte ich noch einmal auf die Fußpflege zurückkommen. Eine besondere Gefahr stellt die "Badezimmerchirurgie" dar, d. h. Diabetiker bearbeiten ihre Füße mit Rasierklingen und irgendwelchen Hobelwerkzeugen. Durch das herabgesetzte Schmerzempfinden ist die Verletzungs- und Infektionsgefahr immens hoch. Das Abtragen der Borken oder Schwielen sollte entweder von Fachkräften, oder wenigstens mit stumpfen Instrumenten wie Raspeln, Feilen oder speziellen Fräsen durchgeführt werden.
DiabSite:
Spielt eigentlich der Charcot-Fuß bei Diabetikern eine große Rolle, oder ist das eher ein Randthema?
Fießelmann:
Der Charcot-Fuß ist zwar nicht allzu häufig, aber, wenn er auftritt, immer mit der hochgradigen Gefahr von chronischen Druckgeschwüren verbunden. Durch eine Ernährungsstörung des Knochens und das verminderte Schmerzempfinden bei der diabetischen Neuropathie kann es zum Charcot-Fuß kommen. Auslöser für den Charcot-Fuß, d. h. das Zusammenbrechen des Fußgewölbes, ist meist eine Bagatellverletzung, die durch zu kräftiges Auftreten oder Umknicken des Fußes entsteht. Treten dann Schwellungen, leichte Schmerzen und/ oder eine Überwärmung des Fußes auf, muss frühzeitig eine konsequente Ruhigstellung erfolgen, damit eine komplette Ausheilung erreicht wird. In unserer Klinik sehen wir relativ viele "Charcot-Füße", weil dieses Krankheitsbild im Frühstadium leider auch von manchen Ärzten verkannt wird. Ist aber das Vollbild des Charcot-Fußes erst einmal erreicht, ist die Behandlung sehr schwierig, denn die dadurch oft auftretenden Geschwüre sind kaum therapierbar.
DiabSite:
Die Füße von Diabetikern sind also vielen Gefahren ausgesetzt. Können Sie noch einmal sagen, was Menschen mit Diabetes ganz besonders beachten müssen?
Fießelmann:
Da durch die Nervenschädigungen die Warnhinweise bei Bagatellverletzungen fehlen, müssen die Füße besonders sorgfältig behandelt werden. Ganz wichtig sind bequeme, schützende Schuhe, modische Gesichtspunkte sollten zurückgestellt werden. Diabetiker sollten Woll- oder Baumwollsocken tragen, da Kunstfasern das Wundscheuern begünstigen. Für die Fußpflege sollten wasserhaltige Salben oder Cremes den fettenden Salben vorgezogen werden. Bei Fußbädern sollte die Wassertemperatur mit einem Thermometer oder der Hand getestet werden. Vorsicht auch bei zu heißen Wärmflaschen oder Heizkissen, die immer wieder zu heftigen Verbrennungen führen. Bei einer Neuropathie wegen der Verletzungs- und Verbrennungsgefahr nicht mehr barfuß laufen auch nicht im Urlaub am Strand. Schließlich sollten die Schuhe regelmäßig auf kleine Steinchen oder herausragende Nägel untersucht werden.
DiabSite:
Herr Dr. Fießelmann, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Autor: hu; zuletzt bearbeitet: 17.04.2000 nach oben

Bildunterschrift: Dr. Albrecht Fießelmann
Bildquelle: privat

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