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Hypoglykämie-Tagebuch

Schwere Unterzuckerungen: wenn die Unterzuckerung zu spät bemerkt wird

Bei einer schweren Unterzuckerung sind Sie nicht mehr in der Lage, die Anzeichen einer Unterzuckerung als solche zu bemerken, Sie haben sie übersehen oder ignoriert oder Sie haben zu spät schnell wirksame Kohlenhydrate zu sich genommen. Der Körper kann das weitere Absinken nicht mehr aufhalten. Leider verlieren besonders die Menschen mit einem Typ-1-Diabetes mit zunehmender Diabetesdauer teilweise oder vollkommen die Mechanismen der Gegenregulation, die uns normalerweise vor einer schweren Unterzuckerung schützen. Dann können sogenannte "asymptomatische Unterzuckerungen" auftreten. Sie sind schwer zu bemerken und können bei weiter abfallendem Blutzucker zu schweren Unterzuckerungen führen mit starken Verhaltensänderungen, geistiger Verwirrung, Ohnmacht, Krämpfen oder Bewusstlosigkeit. Der Betroffene braucht dann meist fremde Hilfe.

Es gibt verschiedene Prozesse, die diesen Verlust von Gegenregulation erklären. Nach etwa 5 Diabetesjahren verliert der Körper normalerweise die Fähigkeit, bei fallendem Blutzucker das Gegenhormon Glukagon auszuschütten. Auch die Adrenalinreaktion nimmt im Verlauf von 10 bis 20 Jahren bei einigen Betroffenen ab. Damit verschwinden viele Symptome.

Die Häufigkeit von asymptomatischen Unterzuckerungen liegt in neueren Studien bei 25 % aller Unterzuckerungen. Durch solche schwer bemerkbare Unterzuckerungen versechsfacht sich das Risiko für schwere Unterzuckerungen. Auch bei asymptomatischen Unterzuckerungen kommt es jedoch meist noch zu Anzeichen geistiger Minderleistungen (neuroglykopenischen Symptomen). Diese kann der Betroffene aber nicht so gut bemerken wie die körperlichen Symptome, auch weil seine Urteilsfähigkeit oft schon eingeschränkt ist. Wenn Sie Ihre neuroglykopenischen Symptome jedoch gut kennen, können Sie lernen, auf diese zu achten. Sie sollten dann sehr schnell Traubenzucker essen, um auf diese Weise eine schwerere Unterzuckerung zu verhindern, die im äußersten Fall sogar lebensbedrohlich sein kann. Sie sollten dann vor allem auch auf andere Menschen hören, die die Anzeichen bemerken.

Wie kommt es zu schweren Unterzuckerungen?

Schwere Unterzuckerungen sind unter folgenden Bedingungen häufiger:

  • viele Unterzuckerungen in der Vorgeschichte
  • schwere Unterzuckerungen vor kurzer Zeit
  • schlechte Unterzuckerungswahrnehmung
  • lange Diabetesdauer
  • Medikamente, die die Wahrnehmung von Unterzuckerungen beeinträchtigen (Beipackzettel beachten, Arzt fragen)
  • Alkohol- und Drogenkonsum (Cannabis verändert z. B. die Wahrnehmung stark)
  • verzögerte Reaktion auf Unterzuckerungssymptome, Gleichgültigkeit

Neue Studien zeigen, dass der häufigste Grund für schwere Unterzuckerungen wiederholte Unterzuckerungen sind. Das können auch leichtere Unterzuckerungen sein, die während des Schlafes unbemerkt aufgetreten sein können. Keinen Zusammenhang fanden diese Studien zwischen schweren Unterzuckerungen und der Geschwindigkeit des Blutzuckerabfalls, auch nicht mit einer diabetesbedingten Nervenschädigung oder mit dem Gebrauch neuer Insuline.

Die intensivierte Insulintherapie, die durch mahlzeitenangepasste Insulinzufuhr mehrmals täglich eine Normalisierung des Blutzuckers anstrebt, ermöglicht es, weniger Fehler bei den unvermeidbaren Schwankungen der Nahrungszufuhr, der körperlichen Aktivität und Insulinzufuhr zu machen. Wenn die intensivierte Insulintherapie allerdings zu häufigeren leichten Unterzuckerungen führt, gewöhnt sich das Gehirn an die niedrigeren Blutzuckerwerte. Die Gegenregulation tritt dann, solange sie noch intakt ist, erst bei niedrigen Blutzuckerspiegeln ein (30 - 40 mg/dl (1,7 - 2,2 mmol/l). Wenn die Anzeichen so spät auftreten, ist für die Selbstbehandlung nur noch wenig Zeit und der Betroffene muss sofort nach den ersten Anzeichen Traubenzucker nehmen.

Der Genuss von Alkohol kann schwere Unterzuckerungen auslösen, weil er die Neubildung von Zucker in der Leber hemmt - und somit bei den Betroffenen die Möglichkeiten zur Gegenregulation hemmt. Gleichzeitig stört Alkohol die Aufmerksamkeit, so dass Betroffene die Unterzucker-Symptome nicht bemerken. Da Hypoglykämien auch eine Hochstimmung verursachen können, wird die Wahrnehmung zusätzlich erschwert und auch von anderen Menschen erst spät erkannt. Zur Vermeidung von alkoholbedingten Unterzuckerungen sollte deshalb der in alkoholischen Getränken enthaltene Kohlenhydratanteil bei der Insulindosierung nicht angerechnet werden.

Alle diese Ursachen sind beeinflussbar. Viele Studien zeigen, dass sich, wenn mit einer hohen Achtsamkeit Unterzuckerungen vermieden werden, die Gegenregulation und damit auch die autonomen Symptome wieder zurückbilden können. Dies kann bereits innerhalb eines Monats eintreten. Die Vermeidung von Unterzuckerungen ist der wesentliche Schritt in ein Leben mit weniger Hypoglykämieproblemen.

Wir wissen noch nicht genau, ob diese Verbesserungen auch bei langer Diabetesdauer genauso möglich sind. Es werden spezielle Schulungsprogramme zur Vermeidung schwerer Unterzuckerungen angeboten. In einigen Fällen wird man sicherheitshalber höhere Blutzuckerwerte akzeptieren müssen (z. B. durch einen höheren Blutzucker-Zielwert), um ein Wiederauftreten schwerer Unterzuckerungen möglichst zu verhindern.

Dr. Antuña de Alaíz und
Dr. phil. Axel Hirsch

zuletzt bearbeitet: 31.05.2011 nach oben

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