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Digitalisierung in der Diabetestherapie

Abstract zum Vortrag von Professor Dr. rer. nat. Lutz Heinemann, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Diabetes & Technologie (AGDT) der Deutschen Diabetes Gesellschaf (DDG), sowie Manuel Ickrath, Sprecher Task Force Digitalisierung in der Deutschen Diabetes Gesellschaft, Herausgeber Digitalisierung in der "diabetes zeitung" (DiaTec-Journal), im Rahmen einer Pressekonferenz zur 52. Jahrestagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) am 25. Mai 2017 in Hamburg.

Wie verbessert sie die Patientenbetreuung?

(Erste) Erfahrungen und Zukunftsaspekte

Professor Dr. rer. nat. Lutz Heinemann Als einer der großen Megatrends neben dem demografischen Faktor oder der Globalisierung beeinflusst die Digitalisierung unsere Gesellschaft fundamental. Das Smartphone und die immense Speicherleistung der Computerchips in Verbindung mit ihrem Preisverfall sorgen dafür, dass sich nahezu alle Lebensbereiche einem massiven Veränderungsdruck ausgesetzt sehen. Auch die Gesundheit wird davon beeinflusst, allerdings fällt auf, dass sich dieser Bereich schwertut, die Vorteile der Digitalisierung zu erkennen. Vielleicht weil man sich in der bisherigen analogen Welt vergleichsweise gut eingerichtet hat, verteidigen die verschiedenen Stakeholder (Entscheidungsträger/ Leistungserbringer) die bisherigen Strukturen, bestreiten Chancen und Nutzen für weite Bereiche des Gesundheitswesens, vor allem für die Patienten, und weisen immer wieder auf die Gefahren und angeblich unlösbaren Probleme im Zusammenhang mit dem digitalen Wandel hin. Als Beispiel kann die systematische Verschleppung der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte durch Ärzte, Krankenhäuser und Krankenkassen während der letzten zehn Jahre gelten.

Die Zukunft einer patientenzentrierten Diabetologie liegt in der Aufbereitung von Gesundheitsdaten und ihrer Interpretation. Auch das Wissensmanagement wird sich von der Nutzung gedruckter, ausgewählter Medien hin zur Zurverfügungstellung ganzer Wissensdatenbanken verändern. Die analoge Arztpraxis wird sich also immer mehr digitalisieren. Deshalb wird es notwendig sein, über die bisherigen analogen Definitionen von Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität zu diskutieren und schließlich auch über neue Behandlungsstandards zu entscheiden.

Der Diabetologe wird nicht ersetzt werden. Ärzte, die patientenorientiert arbeiten, werden die Entlastung durch Big Data in Gestalt von digitalen Entscheidungshilfen für Diagnostik und Therapie begrüßen und gleichzeitig die Zeit nutzen für die Sprechende Medizin, die eine Folge einer immer mehr personalisierten Diabetologie sein kann. Diabetologen sind dafür sogar prädestiniert, denn die Interpretation der Daten aus den verschiedenen Geräten (Insulinpumpen, Continuous Glucose Monitoring/CGM) und Devices (auch Wearables der Patienten) wird wichtiger werden. Außerdem haben sie sich immer schon bemüht, ihre Patienten zu motivieren zu gesünderer Ernährung und mehr Bewegung. Natürlich müssen die Berufsverbände die angemessene Vergütung (Einheitlicher Bewertungsmaßstab/EBM, Gebührenordnung für Ärzte/GOÄ und Diagnosis Related Groups/DRG) für die Sprechende Medizin mit den Krankenkassen verhandeln, die es zurzeit noch nicht gibt.

Bei aller Unausweichlichkeit des digitalen Wandels wird eine Stärke der Diabetologie darin liegen, den Wandel selbstbewusst mitzubestimmen. Algorithmen steuern die Technologie-Produkte, organisieren das Wissensmanagement und liefern über Big-Data-Analysen Empfehlungen für Diagnostik und Therapie, prognostizieren sogar zukünftige Krankheitsverläufe. Die Diabetologie wird sich deshalb mit einer ethisch und medizinisch gebotenen Nachvollziehbarkeit von Algorithmen zu beschäftigen haben. Der Wechsel von Kausalität zu Korrelation wirft die Frage auf, ob die Kriterien der evidenzbasierten Medizin, denen sich die Diabetologie in den letzten Jahren angeschlossen hat, keine, weniger oder gleich viel Anwendung finden sollen.

Von den Gegnern einer Digitalisierung des Gesundheitswesens wird immer wieder auf die Verpflichtung verwiesen, die Patienten vor Datenmissbrauch und Überforderung zu schützen. Digitalisierung steht hier für kalte, technologisch-technokratische Hightech-Medizin, die im Bereich der Diabetologie keine Rücksicht auf alte, sozial benachteiligte oder mit Komplikationen belastete Menschen nimmt. Der Mangel an Empathie wird beklagt. Dabei verkennt diese Argumentation, dass sie von einem paternalistischen Patientenverständnis ausgeht, das einem mehr partizipativen Ansatz weicht, der auch darin begründet liegt, dass viele Patienten, auch und gerade die älteren, heute ihre Informationen bei Dr. Google einholen - auch das eine Folge der Drei-Minuten-Medizin. Eine Diabetologie, die sich patientenzentriert nennt, wird den Nutzen von mehr Transparenz und mehr Informationen aus immer komfortableren Geräten und Technologien annehmen und das zukünftige Arzt-Patienten-Verhältnis mehr als eine Partnerschaft definieren, die auch dem Diabetologen nutzt, weil er weiterhin unverzichtbar bleibt. Vielleicht bildet sich auch unter dem Eindruck der Digitalisierung eine ganz neue Art der Patientenvertretung, sozusagen der Patient 4.0, jenseits von Vereinsseligkeit und Arzthörigkeit.

Datenschutz und Datensicherheit werden die Themen sein, die über das Gelingen von Digitalisierung in der Diabetikerversorgung entscheiden. Benötigt wird ein Datenschutz mit Zukunftsfenster, der die Veränderung der Lebenswirklichkeiten zur Kenntnis nimmt, der einerseits die Patientenrechte im Auge behält, andererseits aber Innovation nicht unmöglich machen darf. Dabei gilt es, gemeinsam zwischen Diabetologie und Juristen zu diskutieren, ob die Patientendaten wirklich ausschließlich dem Patienten gehören oder ob in manchen Fällen Ärzte auch Treuhänder solcher Daten sein können. Außerdem ist über die Notwendigkeit von klinischer und Versorgungsforschung zu befinden, ebenfalls mit Patientendaten arbeiten zu müssen. Wenn der Solidaritätsgedanke immer im Zusammenhang des möglichen Missbrauchs von Daten durch Krankenkassen (Bonus- oder Malusverträge) bemüht wird, muss die Frage erlaubt sein, ob nicht auch die Bürger und Patienten eine staatsbürgerliche oder moralische Verpflichtung zur Solidarität mit anderen zukünftigen Patienten haben, die von Forschungsdaten profitieren.

Datensicherheit, genauso wie Fragen der Interoperabilität und Konnektivität, sind technische Themenkomplexe, die im Zusammenspiel von Staat, Herstellern, aber auch der wissenschaftlichen Fachgesellschaft geklärt werden müssen. Aufgrund der technologischen Kompetenz, die es auch und gerade in Deutschland gibt, sollten diese Fragen in den nächsten ein bis zwei Jahren geklärt werden. Selbstverständlich muss auch die Bedeutung des E-Health-Gesetzes für die Diabetologie rasch geklärt werden. Es ist erstaunlich, dass diese in anderen Teilen der Ärzteschaft so leidenschaftlich geführte Debatte an der Diabetologie bisher spurlos vorübergeht. Im Hinblick auf die geplanten Elemente Medikationsplan, Patientenakte und Patientenfach ist das schwer nachvollziehbar.

Wenn oben schon die Komplexität der neuen Diabetes-Technologien angesprochen wurde, ist es klar, dass eine wesentliche Aufgabe von wissenschaftlicher Fachgesellschaft und Berufsverband sein wird, die Fortbildung der Diabetologen und deren Teams in digitalen Anwendungen und Technologien zu entwickeln und organisatorisch zu organisieren. Ebenso werden sie digitale Schulungsprogramme anbieten müssen beziehungsweise die vorhandenen Programme einer digitalen Transformation unterziehen. Dazu zählt auch das Erstellen eines Konzepts für Telemedizin in der Diabetologie, welches die Erfahrungen vieler einzelner Projekte bündelt und für alle Patienten und ihre Behandler umsetzbar werden lässt.

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Rolle von Digitalisierung in zehn Jahren

Die Betreuung von Patienten mit Diabetes wird sich in den nächsten zehn Jahren durch die Digitalisierung weiter massiv ändern. Es sind nicht nur die üblichen Hersteller von Medizinprodukten an diesem Thema interessiert, sondern auch Firmen aus dem Telekommunikations- und Hardware-Bereich, also Firmen die heute schon dicht am Alltag der Patienten sind mit Produkten wie Smartphones. Der überwiegende Teil der Patienten mit Diabetes wird in Zukunft eine noch stärkere Involvierung von Digitalisierung in seiner Diabetesbehandlung erfahren, unter anderem deshalb, weil es immer weniger Diabetologen geben wird. Diese zunehmende Eigenständigkeit und Eigenverantwortung der Patienten erfordern einen mündigen und informierten Patienten. Patienten werden in Zukunft "Gesundheitskunden" sein, auch wenn dieser Begriff zunächst merkwürdig erscheinen mag. Patienten mit Diabetes wollen ein "normales Leben" leben und möglichst wenig Aufwand mit der Handhabung ihrer Krankheit haben, also auch keine oder nur kurze Arztbesuche, wenn keine besonderen Dinge anliegen. Durch die Verknüpfung von Technologie und Daten sowie die Möglichkeit der direkten Telekommunikation mit einem "Fachmann" zu jedem beliebigen Zeitpunkt beginnt der "Doctor on demand" Realität zu werden (in den USA gibt es dies schon). Es wird notwendig sein, alle Aspekte der Digitalisierung vom Endnutzer und dessen Bedürfnissen her zu denken, dieser treibt alles!

Wer behandelt die Patienten in zehn Jahren?

In Anbetracht der angerissenen Veränderungen ist die Frage, wer die Mehrheit der Patienten in zehn Jahren wie behandeln wird, valide? Die ständig steigende Anzahl von Patienten wird die Diabetologen zum effizienten Arbeiten zwingen, dafür ist eine adäquate Digitalisierung der Praxen eine Grundvoraussetzung. Vermutlich wird primär ein smarter Algorithmus die meisten der Patienten "behandeln" und nur bei unklaren Fragen an den Diabetologen verweisen. Dies wird zu einer erheblichen Änderung des Verhältnisses Patient - Arzt führen mit einem gewissen Verlust an unmittelbarem Patientenkontakt, eine andere Herangehensweise wird notwendig werden.

Digitalisierung wird dem Patienten helfen, seine Therapie an 365 Tagen im Jahr gut durchzuführen. Dabei wird vermutlich noch nicht jeder Patient ein Artificial-Pancreas- (AP-)System haben, insbesondere aus Kostengründen. Der smarte Einsatz von Digitalisierung wird helfen, die Kosten zu begrenzen. So wird es in Zukunft (zum Teil schon heute!) möglich sein, die Verhaltensänderungen von Patienten in Echtzeit zu messen und widerzuspiegeln (zum Beispiel: Ist die Anzahl von Schritten pro Tag hoch genug?), dies erlaubt die Evaluierung einer verhaltensorientierten Ökonomie.

Zukunft von Digitalisierung in den Praxen /  Wie verändert sich Betreuung?

Einhergehend mit diesen Veränderungen werden sich Änderungen im Anspruch/Umgang der Patienten mit dem Diabetologen (und dem Diabetes-Team) ergeben. Viele Patienten werden Hilfe bei Problemen sowie anderen Erkrankungen haben wollen, aber weniger Bedarf beim Umgang mit ihrem Diabetes haben.

Im Idealfall soll Digitalisierung eine Unterstützung bei der Arbeit in den diabetologischen Schwerpunktpraxen (DSP) darstellen, das heißt:

Diese angedachte Unterstützung der praktischen Arbeit durch Digitalisierung ist unabdingbar, wenn eine hohe Akzeptanz erreicht werden soll. Die Software/Algorithmen geben dem behandelnden Arzt Hinweise zu einer differenzierten, individuellen Therapie unter Bezug auf passende Leitlinien und Wissen aus randomisierten kontrollierten Studien (RCTs) aus Datenbanken. Die Zukunft der angewandten Diabetologie liegt in einer sicheren und effektiven Behandlung, dabei muss die Politik eine solche Entwicklung nicht nur zulassen, sondern auch fördern und nicht unter kurzfristigen Kosteneinsparungsgesichtspunkten blockieren.

Schritte für eine bessere Akzeptanz von Digitalisierung

In der Zukunft muss (!) die Technik in den Hintergrund treten, das heißt, die Handhabung aller Geräte muss maximal einfach sein, um eine hohe Akzeptanz zu erreichen. Für die Nutzer in den DSP muss das Leben durch deren Nutzung einfacher werden. Neben der reinen Technologie werden andere Aspekte entscheidend sein, wie der Service und die Berücksichtigung von psychosozialen Aspekten. Wichtig wird sein, dass sich alle Hersteller auf Standards einigen, nur mit einer einheitlichen Schnittstelle der Geräte werden der Datendownload, der -austausch und die -analyse ohne Probleme und mit niedrigem Zeitaufwand zu bewerkstelligen sein. Entscheidend ist, dass eine ausreichende Evidenz vorgelegt werden kann für die Sinnhaftigkeit des Zusammenbringens aller Daten, das heißt, dass die Kombination und Analyse von Daten wirklich relevante Vorteile für die Patientenbetreuung mit sich bringt.

Zusammenfassung

Die mit den Fortschritten im Bereich Digitalisierung verbundenen Veränderungen in unserem Leben werden kommen, vermutlich schneller, als wir denken. Es wird notwendig sein, sich von alten Strukturen zu lösen, neue Wege zu denken. Wir brauchen ein "Weiter"-Denken und den Mut zu Visionen. Ein Umbau des Gesundheitssystems wird passieren, auch wenn dies ein hohes Beharrungsvermögen hat, dabei werden Kosten als Killing-Arguments dienen. Da Wegblocken von Entwicklungen nicht hilft, ist ein bewusstes Gestalten der Zukunft notwendig. Die Politik sollte hierzu die geeigneten Rahmenbedingungen schaffen.

Eine gemeinsame Kommunikations-Plattform aller Beteiligten im Bereich der Diabetologie zum Thema Digitalisierung stellt die Task Force Digitalisierung dar. Diese ist notwendig, um zum Wohle der Patienten entsprechende Schritte gehen zu können. In Deutschland treibt die AGDT (im Auftrag der DDG und in Zusammenarbeit mit dieser Task Force) diese Entwicklung voran. Es gibt viel zu tun, um Digitalisierung in der Diabetikerversorgung und die zukünftige Rolle der Diabetologen aktiv zu beeinflussen. Deshalb hat die DDG die Task Force "Zukunft der Diabetologie 2025" ins Leben gerufen, die in ihrem Konzeptpapier eine Roadmap zur Umsetzung der Forderungen zum Thema Digitalisierung beschlossen hat.

(Es gilt das gesprochene Wort!)

Bildunterschrift: Prof. Dr. Lutz Heinemann
Bildquelle: Diabetes-Portal DiabSite

zuletzt bearbeitet: 10.06.2017 nach oben

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