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Versorgungssituation in der Diabetologie

Abstract zum Vortrag von Professor Dr. med. Baptist Gallwitz, Präsident der DDG, Stellvertretender Direktor, Medizinische Klinik  IV, Eberhard Karls Universität Tübingen, im Rahmen der Vorab-Pressekonferenz zur 52. Jahrestagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) am 17. Mai 2017 in Berlin.

Bedeutung der Sprechenden Medizin

Professor Dr. med. Baptist Gallwitz Circa 6,7 Millionen Menschen in Deutschland haben die Diagnose Diabetes, gleichzeitig gibt es eine hohe Dunkelziffer von bis zu zwei Millionen Menschen mit Typ-2-Diabetes, die bislang nicht erkannt und -nicht behandelt sind. Jährlich steigt die Zahl der von Diabetes Betroffenen um circa 300.000. Diese große Patientenzahl wird von circa 60.000 Hausärzten und etwa 1.100 Schwerpunktpraxen mit Diabetologen ambulant betreut. Die stationäre spezialisierte Betreuung wird von etwa 165 zertifizierten Einrichtungen in Krankenhäusern geleistet. Generell haben circa ein Drittel aller stationären Patienten, die wegen anderer Diagnosen in Krankenhäusern aufgenommen und behandelt werden, einen Diabetes, das sind circa 2,1 Millionen Patienten pro Jahr.

Für die Versorgung der Patienten zeichnet sich schon jetzt ein gravierendes Nachwuchsproblem ab, denn beinahe ein Drittel der Ärzte ist älter als 50, fast ein Fünftel sogar älter als 60 Jahre. Für diese Entwicklung sind auch die abnehmende Zahl an klinischen Lehrstühlen für Diabetologie und Stoffwechsel an den deutschen Universitäten und die schwindenden Ausbildungsmöglichkeiten in Krankenhäusern verantwortlich.

So gab es Ende der 1990er-Jahre noch 17 klinische Lehrstühle für Diabetologie deutschlandweit, 2017 sind nur noch acht erhalten. Hierdurch kommt schon im Medizinstudium die Diabetologie zu kurz. Die frei werdenden Lehrstühle wurden häufig durch Lehrstühle für Gastroenterologie besetzt, da der wirtschaftliche Druck durch die Fallpauschalen (Diagnosis Related Groups/DRGs) auch die Universitätskliniken dazu trieb, Fächer mit gut im Fallkostenpauschalsystem abrechenbaren invasiven Leistungen zu stärken.

Diese Entwicklung hat parallel in nicht universitären Krankenhäusern auch dazu geführt, dass die Diabetologie als vermeintlich ambulantes und "unrentables" Fach der "sprechenden Medizin" deutlich weniger vertreten ist. Im Jahr 2016 sind der DDG sechs große Fachabteilungen (entsprechend etwa 25 Prozent aller in Deutschland endokrinologisch-diabetologisch geleiteten Fachabteilungen) bekannt, die geschlossen wurden. So verschlechtert sich jetzt schon die Versorgung von Patienten mit Diabetes und für die Zukunft fehlen dringend benötigte Weiterbildungsmöglichkeiten für den medizinischen Nachwuchs. Der ärztliche Nachwuchs kommt im Rahmen seiner klinischen Ausbildung kaum noch mit Diabetologie in Berührung und kann daher auch keine berufliche Perspektive im Bereich der Diabetologie sehen.

Die DDG und auch die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) sehen diese Entwicklung mit Sorge und steuern dieser Entwicklung entgegen. Die beiden Fachgesellschaften haben diesbezüglich in ihrem Positionspapier "Ökonomisierung in der Medizin: Fällt die gute Versorgung von Menschen mit Diabetes dem Rotstift zum Opfer?“ sechs strategische Maßnahmen vorgeschlagen[1]. Die DGIM hat hierzu auch in einem weiteren Positionspapier "Der Patient ist kein Kunde" Stellung bezogen.[2]

Die DDG fordert in ihrem Positionspapier "Diabetologie 2025"[3], dass der Bund und die Bundesländer sich dringend dafür einsetzen, dass die Zahl der diabetologischen Lehrstühle wieder steigt. Die Diabetologie muss darüber hinaus als selbstständige Einheit an großen Versorgungskrankenhäusern erhalten bleiben. Sie muss ferner als essenzieller Teil der Weiterbildung in der inneren Medizin und in der Berufsausbildung anderer Gesundheitsberufe verankert sein. Der medizinische Nachwuchs in ärztlichen und pflegerischen Berufen braucht in der Diabetologie attraktive und definierte Karrierewege. Dies gilt besonders auch für die diabetologischen Assistenzberufe wie beispielsweise Diabetesberater/-innen DDG, die als Assistenzberuf staatlich anerkannt sein sollten und dementsprechend eine Berufsgruppeneinstufung erhalten sollten.

Quellen/Verweise

  1. Ökonomisierung in der Medizin (PDF-Datei)

  2. Schumm-Draeger PM et al. Patient ist kein Kunde (PDF-Datei), Deutsche Medizinische Wochenschrift 2016; 141: 1183-1185

  3. Diabetologie 2025 - 10 Strategische Handlungsfelder

Bildunterschrift: Professor Dr. med. Baptist Gallwitz
Bildquelle: Deutsche Diabetesgesellschaft (DDG)

zuletzt bearbeitet: 23.05.2017 nach oben

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