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Ökonomisierung in der Medizin

Weniger Medikamente, Klinikabteilungen und Ärzte für immer mehr Menschen mit Diabetes?

Professor Dr. med. Dirk Müller-Wieland, Vizepräsident und Mediensprecher der Deutschen Diabetes Gesellschaft Das deutsche Gesundheitssystem bietet eine hohe Versorgungsqualität, die sich am neuesten medizinischen Standard orientiert. Doch diese Qualität und das Wohl der Patienten sind bedroht, wenn durch im Rahmen des Arzneimittelmarktneuordnungsgesetzes (AMNOG) bewertete Therapiestrategien, die von wissenschaftlichen Fachgesellschaften als "medizinischer Standard" empfohlen werden, nicht zur Verfügung stehen oder auf Grund des Preises nicht umgesetzt werden. Zudem stehen durch den ökonomischen Wettbewerb in Kliniken insbesondere die Abteilungen auf dem wirtschaftlichen Prüfstand, die einen hohen Anteil an sprechender Medizin aufweisen und damit als unrentabel gelten: Bereits mehrere internistische, diabetologische und endokrinologische Klinikabteilungen wurden geschlossen und mit ihnen auch dringend benötigte Weiterbildungsmöglichkeiten für den medizinischen Nachwuchs. Dabei sind gerade Menschen mit Diabetes eine stetig wachsende Patientengruppe, deren Versorgung auch künftig gesichert sein muss.

Neu in den Markt eingeführte Arzneimittel oder Indikationserweiterungen von Medikamenten werden im Rahmen des Arzneimittelmarktneuordnungsgesetzes (AMNOG) einer "frühen Nutzenbewertung" durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) unterzogen. Zur Nutzenbewertung legt der G-BA eine "zweckmäßige Vergleichstherapie" (ZVT) fest und beauftragt das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen IQWiG), ein entsprechendes Nutzenbewertungsgutachten zu erstellen.

"Die DDG unterstützt die sinnvolle Notwendigkeit und das Konzept des AMNOG zur Kostenbegrenzung grundsätzlich", erläutert Professor Dr. med. Dirk Müller-Wieland, Vizepräsident und Mediensprecher der DDG und ergänzt: "Allerdings sehen wir in mehreren Punkten Verbesserungspotenzial". Der G-BA sollte strukturiert die wissenschaftlichen Fachgesellschaften bei der Definierung des "medizinischen Standards" miteinbeziehen. Die Patientenrelevanz sollte durch strukturierte und stimmberechtigte Einbindung von Betroffenen bei der Bewertung und Entscheidung deutlicher wahrgenommen werden. Grundsätzlich hält die DDG auch einen unabhängigen wissenschaftlichen Beirat unter anderem zur medizinischen Plausibilitätskontrolle der AMNOG-Ergebnisse für sinnvoll.

Derzeit werden in Deutschland Menschen mit Diabetes von circa 60.000 Hausärzten und etwa 1.100 Schwerpunktpraxen mit Diabetologen ambulant betreut. Die stationäre spezialisierte Betreuung erfolgt in etwa 165 zertifizierten Einrichtungen in Krankenhäusern. Schon jetzt zeichnet sich ein Nachwuchsproblem ab: "Fast ein Drittel der Ärzte ist älter als 50 Jahre, fast ein Fünftel sogar älter als 60. Diese Entwicklung hängt nicht zuletzt mit der ständig sinkenden Zahl an klinischen Lehrstühlen für Diabetologie und Stoffwechsel an den deutschen Universitäten und Ausbildungsmöglichkeiten in Krankenhäusern zusammen", erklärt DDG Präsident Professor Dr. med. Baptist Gallwitz vom Universitätsklinikum Tübingen.

Die Diabetologie als vermeintlich ambulantes Fach der "sprechenden Medizin" ist zunehmend in den Kliniken nicht mehr vertreten, sodass sie auch im Rahmen der Weiterbildung nicht mehr angemessen vermittelt werden kann. "Deshalb müssen die Bundesländer und der Bund dafür sorgen, dass die Zahl der diabetologischen Lehrstühle wieder steigt. Außerdem muss die Diabetologie als selbstständige Einheit an großen Versorgungskrankenhäusern erhalten bleiben und essenzieller Teil der Weiterbildung in der Inneren Medizin und in der Berufsausbildung anderer Gesundheitsberufe sein", betont der Präsident der DDG. Der medizinische Nachwuchs benötige in der Diabetologie attraktive und definierte Karrierewege. Das Gleiche gelte für die Ausbildung der diabetologischen Assistenzberufe wie beispielsweise die der Diabetesberaterinnen DDG, die staatlich anerkannt sein und eine entsprechende Berufsgruppeneinstufung erhalten sollte.

Bei ihrer Jahrespressekonferenz am 16. März 2017 diskutieren Experten der DDG die Folgen von Sparmaßnahmen für Diabetespatienten.

Bildunterschrift: Professor Dr. med. Dirk Müller-Wieland, Vizepräsident und Mediensprecher der Deutschen Diabetes Gesellschaft
Bildquelle: Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG)

zuletzt bearbeitet: 15.03.2017 nach oben

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