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80 Jahre Insulin

Pressemitteilung: Diabetes-Portal DiabSite

Wie zwei kanadische Forscher Medizingeschichte schrieben

Leonhard Thomson vor und nach der Behandlung mit Insulin Millionen Diabetiker verdanken dieser Entdeckung ihr Leben: Auf den Tag genau vor 80 Jahren, am 27. Juli 1921, wurde zum ersten Mal das Hormon Insulin gewonnen.

Schon im Jahr darauf, im Frühling 1922, konnte der neu entdeckte Stoff erfolgreich zur Diabetes-Therapie eingesetzt werden. Der 13-jährige Leonhard Thomson war der erste Nutznießer des Wirkstoffes und damit auch der erste, für den die Diagnose Diabetes nicht gleichbedeutend war mit einem Todesurteil.

Der Durchbruch, der die Medizin revolutionierte, gelang ausgerechnet einem absoluten Außenseiter auf diesem Gebiet: dem Kanadier Frederick Grant Banting (1891-1941). Banting hatte mit Diabetes und dessen Behandlung zunächst nichts am Hut. Er war Kind einer Bauernfamilie und begann nach der Schule ein Theologie-Studium, welches ihn aber bald langweilte. Also wechselte er zur Medizin und schloss sein Studium 1916 als Dr. med. an der Universität Toronto ab. Im Ersten Weltkrieg war er Militärarzt bei den alliierten Truppen in Frankreich. Nach dem Krieg kehrte er in seine Heimat zurück, wo er 1920 eine eigene Arztpraxis für Orthopädie eröffnete. Ein Misserfolg. Die Patienten blieben aus, das Geld wurde knapp. Um sich finanziell über Wasser zu halten, gab er deshalb nebenbei Kurse an seiner früheren Universität in Toronto. Gleichzeitig begann er sich medizinisch weiterzubilden und beschäftigte sich - ein Jugendfreund war gerade an Diabetes gestorben - zum ersten Mal intensiv mit der sogenannten Zuckerkrankheit.

Das Wissen um den Diabetes und seine Behandlung war zur damaligen Zeit sehr gering. 60 Prozent aller Patienten starben innerhalb eines Jahres nach Entdeckung der Krankheit. Die Ärzte waren ratlos und verordneten zum Teil fragwürdige und recht erfolglose Alkohol-, Kartoffel- oder Opiumdiäten. Zwar hatten die Mediziner erkannt, dass die Bauchspeicheldrüse, das Pankreas, unmittelbar mit der Entstehung des Diabetes zusammenhängt. Das Wie und Warum blieb allerdings ungeklärt bis Frederick Banting die rettende Idee hatte.

Er ging, wie einige Forscher vor ihm auch, davon aus, dass die Bauchspeicheldrüse einen Blutzucker senkenden Stoff produziert (den Begriff "Insulin" gab es noch nicht). Gleichzeitig bildet das Pankreas aber auch Verdauungsenzyme. Banting vermutete also, dass diese Verdauungsenzyme gleichsam auch den Blutzucker senkenden Stoff verdauen und somit zerstören würden. Banting fing Feuer für diesen Gedanken und wollte seine Theorie beweisen. Da er aber über keinerlei finanzielle Mittel verfügte, wandte er sich an John MacLeod, einen Physiologen an der Universität Toronto. Dieser war alles andere als begeistert von Bantings Vorhaben, ließ sich aber überreden und stellte dem jungen Kollegen während der Semesterferien sein Laboratorium und einen seiner Studenten, den damals 22-jährigen Charles Herbert Best, zur Verfügung.

Frederick Banting und Charles Best mit ihrem ersten Versuchstier, der Hündin Majorie Banting und Best machten sich an die Arbeit. Sie experimentierten mit Hunden, banden den Bauchspeicheldrüsengang der Tiere ab. Rasch trat der erhoffte Erfolg ein: Das Organ verdaute sich quasi selbst, übrig blieben die sogenannten Inselzellen, die eben jenen begehrten Stoff produzierten, der den Durchbruch für die Diabetes-Behandlung bringen sollte. Schon zwei Monate nach Beginn der Experimente behandelten Banting und Best zum ersten Mal erfolgreich einen Hund. Noch einmal ein halbes Jahr dauerte es, bis das neue Wunderhormon "Isletin" (wie Banting es anfangs getauft hatte) dem kleinen Leonhard Thomson das Leben rettete. Der 13-jährige war nach der damals üblichen Hungerkur für Diabetiker bis auf die Knochen abgemagert. Schon einen Monat nach der ersten Insulin-Behandlung hatte sich sein Zustand dramatisch verbessert.

Der Durchbruch war innerhalb kürzester Zeit gelungen. Banting und Best, damals 29 und 22 Jahre alt, hatten Medizingeschichte geschrieben.

Iletin, das erste Insulinpräparat der Firma Lilly Das kanadische Pharmaunternehmen Lilly (heute EliLilly) begann als erstes mit der Massenproduktion von Rinder- und Kälberinsulin. Die internationale Forscherwelt reagierte begeistert. Ungewöhnlich schnell, schon 1923, erhielten Banting und sein Förderer MacLeod den Nobelpreis für Medizin. Eine umstrittene Entscheidung, denn Frederick Banting kritisierte, dass sein Mitstreiter Charles Best vom Nobel-Komitee übergangen worden war. Deshalb teilte er seinen Preis mit dem jungen Studenten. Anerkennung brachte den beiden auch ein, dass sie keinerlei Patentrechte für ihre Entdeckung beanspruchten. So konnte das Insulin seinen weltweiten Siegeszug antreten. In Deutschland waren die Firmen Bayer und Hoechst (heute Sanofi) federführend.

Die beiden Entdecker Banting und Best wurden von da an als führende kanadische Forscher gefeiert. Noch 1923 erhielt Frederick Banting eine Professur an der Universität Toronto und wurde neun Jahre später Leiter des neu gegründeten Banting-Best-Instituts, das die Insulin-Entwicklung und die Diabetes-Forschung vorantrieb. 1934 wurde Banting in den Adelsstand erhoben, am 21. Februar 1941 kam er bei einem Flugzeugabsturz ums Leben.

Sein Mitarbeiter Charles Best erhielt ebenfalls eine Professur an der Universität Toronto und übernahm nach Bantings Tod das Banting-Best-Institut. Best starb am 31. März 1978, in seinen letzten Lebensjahren litt er selbst an Diabetes mellitus.

Trotz der Erfolgsgeschichte des Insulins bleiben Schattenseiten: Heilbar ist der Diabetes mellitus bis heute nicht. Gefährliche Folgeleiden wie Erblindungen, Amputationen und Nierenversagen sind nach wie vor trauriger Alltag. Der medizinische Fortschritt hat es aber möglich gemacht, dass gut "eingestellte" und geschulte Diabetiker ein weitgehend "normales" Leben führen können. Dieser Umstand ist vor allem der Arbeit von Frederick Banting zu verdanken. Deshalb wird sein Geburtstag, der 14. November, jedes Jahr als Weltdiabetikertag gefeiert.

Bildunterschriften:

  1. Dieser 3 Jahre alte Junge war an Diabetes erkrankt und wog nur noch 7,5 kg. Nur 2 Monate nach Beginn der Insulinbehandlung mit Iletin hatte der Junge sein Gewicht verdoppelt und konnte ein normales Leben führen.
  2. Frederick Banting und Charles Best mit ihrem ersten Versuchstier, der Hündin Majorie.
  3. Das erste auf dem Markt erhältliche Insulinpräparat - entwickelt von Lilly im Jahre 1923.

Bildquelle: Alle Fotos auf dieser Seite wurden uns freundlicherweise von der Firma Lilly zur Verfügung gestellt.

Autor: tj; zuletzt bearbeitet: 27.07.2001 nach oben

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